Brauchen wir Watchblogs?
Spätestens seit 2005 das BILDblog mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde, hat die mehr oder weniger institutionalisierte Kritik einzelner Medien quasi ihr Imprimatur erhalten. media watchblogs, also Weblogs, die sich vorwiegend oder ausschließlich mit kritischer Medienbeobachtung befassen, schießen zwar nicht wie die Schwammerl aus dem fruchtbaren Biotop namens Blogosphäre, die Auseinandersetzung mit der schreibenden Konkurrenz auf der anderen Seite der Medienbarriere scheint aber einen gewissen Reiz auf Blogger auszuüben.
Nimmt man watchblogs wie ORFblog, Regret The Error und andere (vgl. die kommentierte Auflistung des “Netzjournalist”) unter die Lupe, wird erkennbar, dass sie zumeist bloß den alltäglichen Irrtümern und Fehlleistungen des “klassischen” Journalismus auf den Pelz rücken: mangelhafte Recherche, fehlinterpretierte Fakten, verkürzte Darstellungen, sprachliche Entgleisungen, schlampige Endredaktion. Journalistisches business as usual also.
Wesentlich tiefer reicht die Kritik jedoch nicht, höchstens dass – z.B. im BILDblog – mitunter die fragwürdige Methodik des Boulevard-Journalismus exponiert wird. Medienkritik findet nicht statt. Die Mehrzahl der watchblogger bewegt sich nicht nur im Rahmen eines “he, da habt ihr Mist gebaut”, sondern auch innerhalb des von den jeweils beobachteten Medien abgezirkelten thematischen Arealen.
Die Beobachteten ignorieren die Beobachter zwar nicht völlig (leicht korrigierbare Fehler werden meist ohne weiteres behoben), die unmittelbare Wirkmächtigkeit ist aber marginal. Was media watchblogs derzeit erreichen, geht über Oberflächenkosmetik nicht hinaus. Im günstigen Fall dienen sie den traditionellen Medien als kostenloses ausgelagertes Lektorat. Vermutlich lassen sie ihre Kritiker kommentarlos gewähren, weil diese sie einfach nicht jucken. Gemessen am nach wie vor verfügbaren BILDblog-verwertbaren Material, das die BILD-Zeitung unablässig produziert, haben ihre Kritiker bei allem Engagement und Aufwand nichts verändert. Schon gar nicht am unausgesprochenen Business-Modell: die niedrig(st)en Instinkte der RezipientInnen zu bedienen.
Keine Zeitverschwendung
Dennoch sind media watchblogs weder sinnlos noch Zeitverschwendung. Ihr wohl stärkster Aspekt sind die Signale, die sie in Richtung traditionelle Medien aussenden:
1. Wir sind keine Medien-Allesfresser, denen ihr unwidersprochen den letzten Mist in den Rachen stopfen könnt;
2. Wir kennen keinen Genierer, euch eure Unzulänglichkeiten, Schlampereien und Irrtümer um die Ohren zu hauen;
3. Ganz im Sinne von Dan Gillmors Credo (“My readers know more than I”): wir wissen mehr als ihr, und
4. Wir haben ein Recht auf qualitativ hochwertigen Journalismus und wir fordern ihn ein.
Unter diesem Gesichtspunkt gibt es noch viel zu wenige watchblogs – in Österreich z.B. vermisse ich Initiativen, die den beiden großen Medien-Orgeln und ihren OrganistInnen (Krone, ORF) auf die Finger (sc)hauen. Viel wichtiger erscheint mir aber ein grundsätzlich weiter gefasstes Verständnis aktiver, Weblog basierter Medienkritik; eines, das den Einfluss der Produktionsbedingungen auf die Medienqualität berücksichtigt und die Rolle von Medien (herkömmlicher – “Big Media” – wie partizipativer) artikuliert.
Was wir brauchen, sind media watchblogs, die sich gesellschaftlich relevanter Medienkritik verschreiben.
