Au Backe
Immer wieder vergnüglich zu beobachten: Ist von Weblogs die Rede oder Schreibe, kneifen viele Journalisten stramm die Arschbacken zusammen und gehen vorsorglich in Verteidigungsstellung. Jüngstes Beispie: Die Presseinfo der deutschen Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche zur jüngst im LiT Verlag veröffentlichen Studie “Kopfjäger im Internet oder publizistische Avantgarde?” (Autor: Matthias Armborst), kolportiert im netzjournalist.
Kaum vom Lachkrampf über den in bester Balzmanier aufgeplusterten Titel erholt, trifft mich die nächste Keule:
Weblogs können den Journalismus anspornen und bereichern, aber niemals ersetzen. Das ist ein Ergebnis der aktuellen Studie, die in der Schriftenreihe des Netzwerk Recherche erscheint. Sie zeigt, dass es für Journalisten zahlreiche Gründe gibt, Blogger als Konkurrenten, Kritiker oder sogar als die Kopfjäger des Internet einzuschätzen.
Mit ein wenig Recherche hätte dem Studienautor und den Netzwerkern auffallen sollen, dass die unfruchtbare Gegenüberstellung von Weblogs und Journalismus schon längst als irrelevant in die Besenkammer den Mediengeschichte verbannt worden ist. Hervorgeholt wird sie immer nur von mäßig inspirierten Vertretern der schreibenden Zunft, wenn sie von einem Legitimationsschub heimgesucht werden.
Und dann auch noch arrogant:
Wer mit Blogs umgeht, sollte wissen, dass er es in aller Regel mit Beiträgen von Amateur-Publizisten zu tun hat.
Oh ja, weil ja Journalisten ein Publikationsmonopol haben. Alle anderen - egal ob Wissenschafter, Schriftsteller, Sachbuchautoren, PR-Leute usw. - sind halt … Amateure.
Es ist höchste Zeit für manche Journalisten zu verstehen, dass Journalismus eine Qualifikation bezeichnet und nicht ein formales Bezugsverhältnis zu einem Medium. Das würde möglicherweise helfen, dass manchen “Publizisten” nicht beim ersten Anzeichen von Weblog-Alarm der Hosenboden flattert.
Nun, so richtig Ernst nehmen muss man das Netzwerk Recherche möglicherweise ohnehin nicht, wie Thomas Knüwer (”Indiskretion Ehrensache”) in launiger Weise ausführt. Aber die Studie (oder “Studie”?) werde ich mir zu Gemüte führen. Lachen soll ja gesund sein.
Nachtrag: Erfreulich anders, nämlich kenntnisreich und kritisch, Fabian Mohr, Journalist

Am 18. Mai 2006 um 16:46 Uhr
Hallo,
als Autor der Studie möchte ich gerne ein paar zusätzliche Informationen hinterlassen:
Das Buch basiert auf meiner kommunikationswissenschaftlichen Diplomarbeit. Das Netzwerk Recherche hat mich lediglich bei der Veröffentlichung unterstützt, aber keinen Einfluss auf den Inhalt genommen. Und natürlich hat das Netzwerk die Studie auch nicht in Auftrag gegeben, wie in anderen Blogs zu lesen ist.
Wer sich das Buch vornimmt, wird vermutlich schnell feststellen, dass hier keine Keule gegen Blogger geschwungen wird. Und dass mir die Vorstellung von einem Publikationsmonopol für Journalisten völlig fern liegt (wobei ich mich frage, wie man diesen Vorwurf aus der knappen Pressemitteilung ableiten kann).
Selbstverständlich sind Blogger in aller Regel Amateur-Publizisten, wobei die Bezeichnung Amateur nicht als Wertung missverstanden werden sollte: Laut Duden handelt es sich bei einem Amateur um jemanden, der eine Tätigkeit nicht berufsmäßig ausübt. Und so viele berufsmäßige Blogger gibt es ja (noch) nicht.
Und zum Vorwurf der Arroganz: Die Pressemitteilung enthält immerhin auch folgenden Absatz: “[Der Autor] hält es für einen Fehler, Blogger aufgrund laienhafter Beiträge oder demonstrativer Subjektivität gering zu schätzen: „Bloggern sollte zuerkannt werden, dass sie aufgrund ihrer hohen Internet-Kompetenz und ihrer hochgradigen Vernetzung oftmals besser als Journalisten in der Lage sind, Internet-Informationen zu filtern, aufzubereiten und in Bezug zu setzen.“
Aber dieser Abschnitt findet sich erst am Ende der Pressemitteilung.
Freundliche Grüße nach Wien. Schade, dass es Ihren Workshop nicht mehr gibt.
Am 18. Mai 2006 um 19:07 Uhr
Hallo,
jetzt weiß ich, warum mir der Name so bekannt vorgekommen ist; allerdings haben die alten Ganglien etwas länger gebraucht, um die richtigen Synapsen zusammen zu schalten.
Ja, leider ist das College heuer ausgefallen - zu viel Mozart (?) -, ich hoffe, dass es nur temporär ist.
Meine Kritik richtet sich in erster Linie gegen die Presseinformation, implizit - unter der wohlwollenden Annahme, dass der (die) Verfasser den Inhalt der Studie akkurat wiedergegeben hat (haben) - auch gegen das Buch selber. Da ich aber nicht vorschnell urteilen möchte, habe ich mein Exemplar schon bestellt, ehe ich den initialen Beitrag geschrieben habe.
Den Titel halte ich für reißerisch und unangemessen. Ich verstehe zwar, dass gerade im Fachliteraturbereich ohne Gackern keine Eier zu verkaufen sind. Die konkrete Gegenüberstellung entbehrt aber jeglicher Grundlage: Blogger sind weder das eine noch das andere. Ich erinnere mich, dass Dan Gillmor das beim College damals auch ziemlich klar zum Ausdruck gebracht hat.
Okay, das ist eine Marginalie. Der Großteil der in der Presseinfo angeführten Aspekte jedoch nicht. Den “Vorwurf” der Arroganz halte ich aufrecht, nicht zuletzt, weil die Betonung des “Amateur-Status” einen Profi-Status bei Journalisten impliziert. Aber: Wenn z.B. Thomas Mahon (”English Cut”) über die feinsten Details von Maßanzügen bloggt, ist er der Profi, und das weitaus mehr als der Großteil der ModejournalistInnen. Der fundamentale Irrtum - dem viele Journalisten aufsitzen - besteht darin, das Phänomen Bloggen ausschließlich mit dem Kriterium Journalismus-Nichtjournalismus messen zu wollen. Gut, man kann den Erdumfang auch mit einem Geo-Dreieck nachmessen …
Der zitierte Passus “Bloggern sollte zuerkannt werden …” ist nur ein weiterer Beleg für journalistische Überbehblichkeit, selbst wenn es nicht so gemeint sein sollte. Schließlich wird die Kompetenz der Blogger auf Internet-Inhalte reduziert. Das ist in doppelter Hinsicht ein Trugschluss bzw. eine unzulässige Verkürzung. Jeff Jarvis hat das so ausgedrückt “There is no blogosphere, there are only the people in it” (zitiert aus dem Gedächtnis, also bitte nicht gleich steinigen). D.h. die Blogger definieren sich zum einen nicht über die Verwendung eines bestimmten Kommunikations-TOOLS, sondern über ihr Kommunikations-VERHALTEN bzw. über die spezifischen sozialen Beziehungen, die sich daraus ergeben. Zum anderen beschränkt sich die Expertise der Blogger nicht auf das Internet, sondern umfasst sehr wohl den gesamten Lebensbereich. Im Gegensatz zu JournalistInnen (um’s süffisant zu sagen) geben sie aber auch nicht vor, über alles Bescheid zu wissen.
Jetzt warte ich erst einmal auf die Studie - dann gibt’s sicher noch einiges von mir. In der Zwischenzeit schärfe ich die Beißerchen
Am 18. Mai 2006 um 19:45 Uhr
[...] Dass Blogger darüber herfallen, die das Buch nicht gelesen haben - nicht weiter überraschend. [...]
Am 5. Juni 2006 um 21:04 Uhr
Bloga Fett, Internet-Kopfjäger…
Bloga Fett - Kopfjäger im Internet
Sie ist eine neverending Story, die Debatte, ob Blogs denn nun eine Gefahr für den traditionellen Journalismus sind oder nicht. Sie wurde schon vor Jahren geführt. Und wird es immer noch. Da sind gewisse Erm……