Notwehrüberschreitung
Chris Anderson, Chefredakteur des Wired Magazine, Buchautor und Blogger, hatte eine Schnapsidee: Der vielen unwillkommenen Presseaussendungen überdrüssig, die täglich in seinem E-Mail-Postfach aufschlagen (er spricht von rund 300), hat er zu einem ziemlich drastischen Mittel gegriffen. In seinem Blog “The Long Tail” hat er einfach die E-Mailadressen von rund 350 “ÜbeltäterInnen” publiziert, die seiner Ansicht nach einfach “zu faul” gewesen seien zu recherchieren, wem sie die Mitteilungen korrekterweise hätten zukommen lassen sollen. (Aufschlussreich sind die zahlreichen Kommentare.)
Ich verstehe zwar den Unmut, der sich aus der lästigen Bürde speist, andauernd aus einem Haufen von Spreu jene paar Weizenkörner herauszusuchen, die für die eigene Arbeit brauchbar sind. Ich könnte auch noch nachvollziehen, wenn Anderson – in einer Art Notwehrreflex – die Absenderadressen in seinem E-Mailprogramm einfach ausfiltert (was er ja auch seinen Angaben zufolge auch tut), auch wenn ich mich frage, auf welch abgehobenem Niveau sich der Herr bereits bewegt.
Die PR-Leute via Publikation ihrer E-Mailadressen öffentlich zu demütigen und gleichzeitig billigend in Kauf zu nehmen, dass sie durch die Veröffentlichung zum Freiwild für Spam-Artisten werden, ist in meinen Augen ein klarer Fall von Notwehrüberschreitung. Und es ist herablassend, erbärmlich – und unprofessionell.
Damit will ich die unbestreitbar anzutreffende Praxis, Pressemitteilungen nach dem Gießkannenprinzip zu distribuieren, nicht rechtfertigen. Ganz im Gegenteil: Dadurch wird das Verhältnis von PR-Menschen und Journalisten nur unnötig belastet. Aber Anderson maßt sich an, “Richter und Henker” in Personalunion zu spielen – und das ohne sich lange mit der Recherche aufzuhalten, ob jene, die er an den Pranger stellt, das auch verdienen.
Das nenne ich Brunnenvergiften. Und es könnte rechtliche Konsequenzen haben. Nun bin ich kein Anwalt, aber es haben schon geringererAnlässe unangenehme Sammelklagen (“class action”) ausgelöst. Zumindest aber ist Anderson vorzuwerfen, dass er fahrlässig mit dem Recht anderer auf Privatsphäre umgegangen ist.
Ich stelle mir lieber nicht vor, welche Auswirkungen es hätte, fände der “Auszucker” des Wired-CR Nachahmer. Das Verhältnis der beiden – zweifellos aufeinander angewiesenen – Branchen würde sich noch schwieriger gestalten, als es ohnehin schon ist.
Die PR-Branche ist jedenfalls gut beraten, in ihren praktischen Media Relations noch mehr Sorgfalt walten zu lassen.
Tags: Arroganz, media-relations

Am 2. November 2007 um 13:21 Uhr
[...] Für Markus Pircher ist die drastische Reaktion des Wired-Chefredakteurs allerdings ein klarer Fall von “Notwehrüberschreitung”. [...]
Am 7. November 2007 um 12:52 Uhr
[...] Und wohin das ganze führt, sieht man bei Chris Anderson, dem CR des Wired Magazins (gefunden via Markus): Chris Anderson, Chefredakteur des Wired Magazine, Buchautor und Blogger, hatte eine [...]
Am 16. November 2007 um 15:03 Uhr
[...] – das ist nicht die feine Art. VirtualBites spricht gar von “Notwehrüberschreitung”. Es macht aber deutlich, wie viel wertvoller ein [...]
Am 4. September 2008 um 14:40 Uhr
[...] Lösung bietet, sondern das (Reiz-)Klima zwischen beiden Berufsgruppen vergiftet; unoriginell, weil das Thema schon vom Wired-Chefredakteur Chris Anderson (vor gerade mal zehn Monaten) abgefrühstückt [...]