ein future bytes weblog

virtual bites

"Keine Angst, er beißt nicht." (aus: Berühmte letzte Worte)

Beim Gemüsehändler

Der wochentägliche medianet Newsletter ist mir, ich gesteh’s, ein unerschöpflicher Quell der Freude … oder wenigstens der Erheiterung. Es vergeht kaum eine Ausgabe, in der nicht illustre Gäste das staunende Volk ihrer unergründlich tiefsinnigen Erkenntnisse teilhaftig werden lassen. (Ich weiß nicht, nach welchen Kriterien die Gastkommentatoren ausgesucht werden, und weil ich es mir lebhaft vorstellen kann, will ich es lieber gar nicht erst wissen.)

In der Lieferung vom 12.4.2007 feiert einer, dem ich schon einmal die virtuellen Zähne gezeigt habe, unter dem schönen Titel “Pods, Blogs, Social Software & Co” (also Karotten, Kohlrabi, Gemüse & so) beinahe Kommentar-Jubiläum. Es geht leider wieder in die Hose. Nicht, dass ich gegen den Kollegen persönlich etwas hätte, aber ich fühle mich halt immer zum Fremdschämen veranlasst, wenn allzu offensichtlich Buzzword Bingo gespielt wird. Und das mag ich nicht.

Kostproben gefällig? Bitte:

“Es brodelt im Internet” …?? Wohl weil die Server heiß laufen. Oder doch weil “alle über Web 2.0″ reden? Echt? Alle? “Klingt schick und modern”, nö, das klingt schal und abgedroschen. Nur weil schon Tausende vorher dieses Phrasen-Pferd zu Tode geritten haben, muss man ihm nicht mit Gewalt noch eine Meile abtrotzen.

“Hype”? Klar, vorhanden. Verweis auf die “Internet-Blase”? Aber sicher. “Goldgräberstimmung”? Alles da. Origineller sind da schon Formulierungen wie “Das neu strukturierte Internet unter dem Titel Web 2.0″, da blitzt ein Informationsstand durch, den sich der Autor sicher mühsam erarbeitet hat. Aber vielleicht habe ich bloß übersehen, dass das Internet jetzt nicht mehr auf TCP/IP beruht oder dass IPv6 schon flächendeckend im Einsatz ist. Na gut, nehme ich zur Kenntnis, dass das Internet jetzt Web 2.0 heißt, so wie Raider Twix.

“Im Web 1.0 konnte man (…) nur (…) passiv die Dinge konsumieren”. Die … Dinge?? Und nur passiv? Na gut, man muss als österreichischer PR-Mensch nicht wissen, dass lange vor den ersten holprigen Websites schon sehr aktive und einflussreiche Communities (wie z.B. The WELL) bestanden haben bzw. in Mailinglisten und im Usenet reger Meinungsaustausch abseits der PR-gesteuerten Informationsverabreichung stattgefunden hat (und noch immer stattfindet). Nur weil die PR-Branche diese “conversations” geflissentlich ignoriert hat, bedeutet nicht, dass es sie nicht gegeben hat.
Der Artikel ist mit weiteren erlesenen Früchten gespickt, oder besser: mit Zwiebeln, die einem die Tränen in die Augen treiben. Besonders gut gefallen hat mir: “Web 2.0 bringt aber auch totale Transparenz”, da wird sich Kathy Sierra freuen, und natürlich die - unverzichtbaren - Risiken (der nächste, der mir mit den “Chancen und Risken” von Web 2.0 kommt, kann sich auf etwas gefasst machen!), weshalb der ganze Krempel gefälligst einem “PR-Praxistest unterzogen werden” müsse, was immer das bedeuten mag.

Oops, jetzt ist es doch passiert. Da steht schon wieder: “Weblogs & Co stellen sowohl eine gewaltige Chance als auch eine große Gefahr” dar. Aaargh! Die einzige Gefahr, die mit Weblogs verbunden ist, sind die PR-Berater, die keine Ahnung haben, wovon sie reden. Oder wann haben Sie (falls Sie bis hierher durchgehalten haben) das letzte Mal jemanden über die Chancen und Gefahren von Presseaussendungen jeiern hören? Sehen Sie?!

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12 Reaktionen zu “Beim Gemüsehändler”

  1. mbredl

    Da du darauf hinweist hab ich den Schmarrn auch gelesen und wertvolle 2 Minuten den Kopf geschüttelt. Da hätte ich gleich 2 Minuten “langsamschauen” können und hätte mich dabei entspannt.
    Ist schon interessant wie man drauf reinfallen kann.

  2. Markus Pirchner

    Ich hätte wohl deutlicher warnen sollen, dass die Lektüre des von mir kritisierten Artikels auf eigene Gefahr geschieht :-)
    Es ist enervierend: Da bemüht sich der PR-Verband die von anderen produzierten Abstrusitäten (z.B. Pressekonferenzen um fast 100.000 Euro) ins richtige Licht zu rücken, dann wird er durch von keinerlei profundem Wissen getrübten Wortmeldungen aus den eigenen Reihen torpediert.
    Da haben wir wohl noch ein weites Stück Weg vor uns (seufz).
    Okay, du hast 2 Minuten gut bei mir :-))

  3. Joe_Bertl

    Ich habe den Medianet Newsletter nun endgültig abbestellt.

  4. deppenzappen

    @alle: also wenn ich das hier lese, könnt ich fast glauben, ihr arbeitet fürn mucha…;-)
    naja…

    ich kenn medianet seit meinem aufenthalt auf der wu…wir haben sehr oft mit hilfe von medianet recherchiert…

    ich könnt jetzt spontan auch keine andere fachzeitung nennen, die auch täglich rauskommt…
    ihr etwa??

  5. Markus Pirchner

    @deppenzappen: Niemand hier (in den Kommentaren, und ich sowieso nicht) arbeitet für Mucha. Und dass Sie mit Hilfe von medianet auf der WU recherchiert haben, spricht zwar nicht gegen medianet, wohl aber gegen die WU (oder zumindest die Lehrveranstaltung). Wenn Sie aber genau gelesen hätten, dann wäre Ihnen nicht entgangen, dass hier keine Pauschalkritik an medianet geübt wurde, sondern an einem Gastkommentar. Der liegt zwar auch insofern in der Verantwortung des Mediums, als es diesem Firlenfanz immerhin einigen Platz zur Verfügung gestellt hat, aber wenigstens haben die medianet-ler den Quargel nicht selber verbrochen. Allerdings, und das ist nun sehr wohl eine Kritik an medianet, ist das kein Einzelfall, sondern passiert in schöner Regelmäßigkeit.
    Es gibt m.W. auch keine andere täglich erscheinende Branchenpublikation auf Papier (wohl aber den täglichen Newsletter des horizont).

  6. Nicole25

    Na geh, es muss ja nicht jeder dem irgendein Artikel in der Zeitung Medianet nicht gefällt gleich für einen der Konkurrenten arbeiten. Nur weil der Mucha hie und da Medianet in den Medien schlecht macht, würd ich ihn nicht in jedem Posting sehen. Ganz im Gegenteil find ich, bis auf einen Poster (der den Newsletter nun abbestellen möchte) scheint ja ein recht reges Interesse bei den Postern an Medianet zu bestehen. Ich mein, ich schau ab und zu rein, aber da wird ja offensichtlich jeder Artikel, egal wie gut er ist, von oben bis unten gelesen. Sogar das was die Gastjournalisten schreiben. Also so ein Interesse würd ich mir für meine Zeitung auch wünschen, wenn ich eine hätte. Jedenfalls denk ich mir, dass ich öfter und genauer in Medianet lesen sollte, denn anscheinend finden doch sehr intelligente Leute wie Herr Pirchner sie für sehr lesenswert.

  7. Markus Pirchner

    @Nicole25 - Lesenswert würde ich die Artikel nicht nennen; die, auf die ich mich beziehe, geben aber gutes Material für bissige Anmerkungen ab.

  8. deppenzappen

    @markus: welche fachzeitung ist für dich besonders lesenswert?

    bzw. zeig mir eine TÄGLICHE fachzeitung, die alle wichtigen rubriken abdeckt…

    ich gebe dir schon recht in deiner kritik, dass bestimmte artikel nicht der obersten qualität entsprechen…

    das ist aber bei jeder zeitung so…

    und wenn ich eine fachzeitung lese, möchte ich mich über facts informieren und nicht über irgendwelche gerüchte und müllkisten seitens der konkurrenz…

    und ich hab schon zu meinen studienzeiten über den konkurrenzkampf zwischen mucha, manstein und co gehört…

    das stell ich mir nicht unter fairness vor…wer sachlich was drauf hat, soll sich durchsetzen…aber mit verunglimpfungen kommt man nur kurzfristig weiter…

  9. Markus Pirchner

    @deppenzappen - offen gestanden, halte ich die österreichischen Fachzeitschriften für mäßig lesenswert. Ich bekomme zwar horizont und bestseller als Printausgabe, sowie die täglichen Newsletter von horizont und medianet, informiere mich aber weitestgehend via die diversen Online-Quellen (Sites, Blogs, Social Networks). Diese sind in der Regel aktueller, diversifizierter (Stichwort Tellerrand) und profunder (peer to peer). Den lokalen Klatsch und Tratsch, pardon: small talk, inhaliere ich dann bei persönlichen Meetings mit KollegInnen.

  10. deppenzappen

    …die fachzeitzeitungs-tradition ist in österreich sicher nicht so alt wie etwa in deutschland…

    aber dennoch: meinen jetzigen job hab ich zb in der karriere-rubrik von medianet gefunden…und das war ein job, der sonst nirgens ausgeschrieben war (ok, ausser im zbp)

    horizont und bestseller kann ich nicht beurteilen…wem gehören die eigentlich?

  11. Markus Pirchner

    horizont und bestseller => Manstein Verlag

  12. deppenzappen

    na zum glück nicht vom mucha…:-)

    der manstein vertritt wenigstens noch bisschen eine medien-ethik…

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