Denkfehler
Unter dem etwas dünkelhaften Titel “Leseschwäche jenseits von Pisa” bedauert Milan Frühbauer im Editorial des “HORIZONT” (Nr. 22 vom 1.6.2007, Seite 4), dass “die Reichweiten der Tageszeitungen (…) vor allem bei den jungen Menschen (…) im Sinkflug” seien. Frühbauer setzt die Tatsache, dass Printmedien immer weniger die bevorzugten Informationsquellen darstellen (nicht nur der 14-20-Jährigen), mit einem geringeren Grad der Informiertheit gleich.
Das, lieber Kollege Frühbauer, ist ein grober Denkfehler. Der Niedergang der Printmedien, der in anderen Ländern noch weitaus krasser ausfällt als in Österreich, findet seine Ursachen nicht in mangelndem Interesse, sich über tagesaktuelle Geschehnisse und deren Hintergründe in Kenntnis zu setzen, sondern einerseits in der schwindenden Qualität der printmedialen Berichterstattung, in den strukturellen Begrenzungen herkömmlicher Medien (z.B. time-to-market), in der wachsenden Konkurrenz durch Alternativen im Internet (sowohl in Form von Online-Ablegern der etablierten Medienhäuser als auch in Form von Citizen-Media-Projekten) und in den sich verändernden Informationsbedürfnissen und Rezeptionsweisen.
Ich gestehe, ich lese kaum noch gedruckte Tageszeitungen. Wozu auch? Die Informationen, die mir zwei, drei, vier Zeitungen bieten könnten, beziehe ich wesentlich frischer aus deren Online-Ausgaben, dazu filtere ich mir aus fast einem Dutzend internationaler Zeitungen und Magazinen die für mich relevanten Artikel, ergänze dieses Konvolut an Wissenswertem durch Themen, die von herkömmlichen Medien (nicht einmal) ignoriert werden, durchforste eine knappe Hundertschaft von RSS-Feeds unterschiedlichster Herkunft.
Warum also sollte ich mich schlechter informiert fühlen als eine Person, die regelmäßig 3-4 gedruckte Zeitungen liest? Meine Informationsnotwendigkeiten decken Printmedien einfach nicht mehr ab, die signal-to-noise ratio ist einfach zu schlecht (bestenfalls 20:80 - in Qualitätszeitungen, wohlgemerkt).
Tageszeitungsaffinität
Einen Schuldigen hat Milan Frühbauer auch dingfest gemacht: die Sozialisation (früher sind “Gutmenschen” dafür aus der konservativen Ecke gesteinigt worden, wenn sie das Wort auch nur gedacht haben). “Ein Großteil der Schulen beziehungsweise der darin agierenden Lehrer vermag keine Tageszeitungsaffinität mehr zu vermitteln.” Abgesehen davon, dass sich die Lehrenden zu Recht dagegen verwahren müssten, so etwas wie “Tageszeitungsaffinität” zu vermitteln, sind sie auch gut beraten, den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen etwas ganz anderes nahe zu bringen: Medienkompetenz, d.h. den bewussten Umgang mit allen zur Verfügung stehenden Informationsquellen und -technologien.
Anstatt einem einzelnen Medienformat nachzuweinen, das sich möglicherweise überlebt hat, sollte unsere Sorge sein, dass wir uns selbst firm machen im Umgang mit den modernen Möglichkeiten der Informationsbeschaffung, -interpretation und -verarbeitung, dass wir selber “media literate” sind - und nicht bloß LeserInnen gedruckter Tageszeitungen. Es könnte sonst genau das passieren, was Frühbauer kritisiert: dass das Elternhaus bei der “Implantierung der Lesekultur” (oder besser: Informations- und Medienkultur) scheitert, nur halt in Bezug auf die Medien des 21. Jahrhunderts.
Leider ist das Editorial nicht online. Symptomatisch, finde ich.
P.S.: Und da dies ein Blog ist und keine Tageszeitung, wird meine Kritik wohl auch nicht bis zu Kollegen Frühbauer vordringen ![]()
Tags: informationskultur, Medien

Am 5. Juni 2007 um 06:50 Uhr
Angesichts der üblichen Durchhalteparolen der Print-Verlage ist es immerhin bemerkenswert, dass die sinkenden Reichweiten überhaupt Editorial-reif werden. Fragt sich nur, wann endlich auch über den Niedergang der Fernsehkultur bei den Kids geklagt wird!
Am 5. Juni 2007 um 09:44 Uhr
Die Fakten lassen sich eben selbst bei größter Hartnäckigkeit nicht auf Dauer ignorieren. So ziehen sich manche eben auf die selektive Auswahl des verfügbaren statistischen Materials zurück. Dann werden halt Aspekte ausgeklammert wie jener, dass gerade in den Führungsetagen die Glaubwürdigkeit der Tageszeitungen zunehmend infrage gestellt werden. Derartige Ungereimtheiten finden sich in dem Editorial öfter: z.B. greift das “Argument” der Sozialisation beim gehobenen Management, das sich mit dem täglichen Pressespiegel begnüge, wohl nicht, da sie ja in einer traditionellen Lesekultur aufgewachsen sind.
Dabei genügte es, sich in den eigenen Reihen umzuhören: Der G+J Chef hat gerade (4.6.) beim Internationalen Mediendialog Hamburg ziemlich klare Worte gefunden (http://www.mediacoffee.de/jenspetersen/item/307). Oder man greift - und sei es nur ausnahmsweise - zu Denkfutter dieser Art: http://tinyurl.com/2jnepf .
Es gibt derart viel Vernünftiges zur Zukunft der Print- und anderer Medien, dass man schon krampfhaft und mit Absicht die Augen davor verschließen muss, um noch von einer heilen Tageszeitungswelt träumen zu können.
Am 6. Juni 2007 um 01:05 Uhr
Mir fällt persönlich auf, dass ich die Zeitung nicht mehr in die Hand nehme. Das geht soweit, dass das Lesen einer Zeitung zur Ausnahme wird. Z.B. am Wochenende bei den Eltern (die haben sowas noch).
Dennoch lese ich gerne und regelmäßig Bücher, obwohl ich extrem Web-affin bin (”permanent on”). Bücher bieten also einen anderen Mehrwert.
Was ich bemerkenswert finde, ist die Art und Weise wie die Zeitungsbranche damit umzugehen versucht. Nämlich gar nicht.
Am 6. Juni 2007 um 11:38 Uhr
@jplasser - Ich denke, dass Sie keine Ausnahme sind. Die meisten Always-Onliner, die ich näher kenne, sind leidenschaftliche Bücherfresser, konsumieren News aber (fast) ausschließlich im Internet. Es geht letztlich auch nicht darum, ein Medium durch ein anderes zu ersetzen, sondern sich das jeweils ergiebigste anzueignen. Das gilt, meine ich, sowohl aus individueller Sicht als auch aus gesellschaftlicher Perspektive.