Kasperl und das Blogodil
Top 10(0)-irgendwas-Blog-Listen sind schon etwas Tolles, vor allem dann, wenn das eigene Blog darin aufscheint. Es ist verständlich, dass viele (die meisten? alle?) Blogger möglichst viel Beachtung finden möchten und daher an einem Instrument interessiert sind, welchen Einfluss die eigene Schreibe hat. Das Technorati-Ranking aus Authority und incoming Links ist eine höchst unflexible und wenig akribische Meßlatte.
Auch wenn “Alle Macht dem Long Tail” zutreffen mag, das Ego bürstet es nicht unbedingt auf. Also bleiben nur sorgfältig zusammengestellte, gut ausgebrütete Top-10(0)-Listen als Alternative. Je nach Anspruch mag das hin und wieder sogar funktionieren. Es gebiert aber auch eigenartige Kreaturionen, wie jene des CASCADES Project der Carnegie Mellon University. Wobei nicht das Projekt selber seltsam ist (ganz im Gegenteil handelte es sich um ein hochkomplexes mathematisches Modell, das zur Veranschaulichung und unter ganz bestimmten Bedingungen auf eine Vorauswahl von Blogs angewendet wurde), sondern die Reaktion: Einige Blogger haben dies zum Anlass genommen, die “Wissenschaftlichkeit” der Top100-Blogs über die Maßen zu rühmen, weil - erraten! - sie selber gelistet sind.
Aber noch schräger ist die jüngst publizierte Liste der Top10 Marketing Blogs, die ein gewisser Michael Stelzner auf seinem Blog publiziert hat. Leider knausert er mit Angaben, nach welchen Kriterien die Liste erstellt wurde. Aber nicht nur das, er zensuriert auch Kommentare, die mehr über das Auswahlverfahren und die Bewertungsmethode erfahren wollen. Eines der Blogodile, das der Stelzner-Kasperl hat derklatschen wollen, Bill Sledzik, hat dazu in seinem eigenen Blog Tough Sledding ausführlich Stellung genommen.
Zensur in Blogs ist nicht nur kindisch, sondern kontraproduktiv. Es zerstört, was an Glaubwürdigkeit eventuell vorhanden ist, und das umfassend und nachhaltig. Warum soll ich eine Top10-Liste ernst nehmen, wenn deren Autor Fragen nach der zugrunde gelegten Methode nicht nur nicht beantwortet, sondern die Fragen selbst ungeschehen zu machen versucht, indem er sie einfach löscht? (Was - angesichts von Services wie Cocomment - noch dazu eine ziemlich dumme und vergebliche Aktion ist.).
Glaubwürdigkeit und Vertrauen erwirbt man sich nur durch Transparenz.
Nachtrag: Inzwischen hat Michael Stelzner eingesehen, dass er da kräftig daneben gehauen hat. Er hat sich in aller Form dafür entschuldigt, auch persönlich bei Bill Sledzik auf dessen Blog.
Tags: Top-Liste, Transparenz, Zensur
