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"Keine Angst, er beißt nicht." (aus: Berühmte letzte Worte)

Nebenschauplatz

Ich hatte, offen gestanden, schon gehofft, dass mein Interview mit Michaela Mojzis (für den PRVAnews.cast) etwas Stoff für Diskussion liefern würde. Soweit es die Bloggerszene betrifft, ist die Hoffnung erfüllt worden (was die PR-Branche anlangt … schweig stille, Herz.). Verblüfft hat mich allerdings, dass im Großen und Ganzen lediglich eine Bemerkung der ÖVP-Bundes-GF vom Radar erfasst - und zerpflückt liebevoll zerzaust - wurde, nämlich dass sie Blogger als eine neue Form von Journalisten ansieht.

Möglicherweise habe ich mich zuletzt zuviel auf anglophonen Weblogs herum getrieben und deshalb gedacht, das Thema Blogger sind/sind keine Journalisten sei auch hierzulande “gegessen”. Offensichtlich besteht aber immer noch Klärungsbedarf (und spätestens wenn es um den rechtlichen Status von Bloggern und/oder Bürgerjournalismus geht, darf die Materie ordentlich durchgekaut und durchgekämpft werden).

Schade ist aus meiner Sicht jedoch, dass andere Aussagen von Michaela Mojzis unberücksichtigt blieben, und die fande und finde ich weitaus bemerkenswerter, z.B.:

  • Blogs verbessern die Kritikfähigkeit der Partei(en), die verlernt hätten, mit Kritik anders umzugehen als mit dem üblichen Rechtfertigungsreflex zu reagieren. Damit rührt sie immerhin an einem zentralen Manko politischer Kultur (nicht nur in Österreich)
  • Blogs als Zugangskanal zu Bezugsgruppen, die auf anderen Wegen nicht oder nur schlecht erreichbar sind, um sie für Politik (ganz allgemein) zu begeistern und sie zu motivieren, an politischen Willensbildungsprozessen teilzunehmen
  • die Transparenz in der politischen Kommunikation bzw. die Schwierigkeit, Transparenz herzustellen; das Problem der kommunikativen Vermittlung komplexer Sachverhalte; anders gesagt: das Verhältnis von politischem Handwerk und der Kunst offener Diskussion
  • das Ersetzen von herkömmlichen kommunikativen Mitteln bzw. Tätigkeiten durch Social Media Aktivitäten, das zu beobachten ich besonders spannend finde.

Das wären aus meiner Sicht die Ansatzpunkte (oder meinetwegen Angriffsflächen), bei denen Michaela Mojzis “in die Pflicht” genommen werden sollte. Ich denke aber, dass es dafür noch ausreichend Gelegenheit geben wird, vorausgesetzt die Diskursbereitschaft der ÖVP-Managerin bleibt erhalten (woran ich nicht zweifle).

4 Reaktionen zu “Nebenschauplatz”

  1. Helge Fahrnberger

    So sind sie die Blogger, finden immer das Haar in der Suppe.

    Ich fand ihre Aussagen ja auch bemerkenswert und habe das auch gewürdigt (”in einem Ausmaß verstanden, das mich überrascht hat..”). Zu mehr hat’s nicht gereicht - da muss die ÖVP den schönen Worten erst mal Taten folgen lassen.

    Was den Klärungsbedarf betrifft: Den gibt es offenbar. Wenn eine Politikerin darüber nachdenkt, Blogger ins Journalisteneck zu stellen und ihnen Presseaussendungen zu schicken, dann kann das nicht unwidersprochen bleiben.

  2. Markus Pirchner

    Gut, die Würdigung ist aber gemessen an der sonstigen Textmenge bescheiden ausgefallen :-)
    Ich meinte auch weniger, dass wir jetzt die ÖVP-Aussagen debattieren sollen, sondern die Fragen, die damit aufgeworfen wurden. Diese gehen ja über den Anlassfall weit hinaus.
    Klärungsbedarf gibt’s immer. Wenn eine Politikerin nachdenkt … dann bin schon grundsätzlich einmal froh, denn das ist ein gutes Zeichen. Widersprechen können wir ja dann dem Ergebnis der Denkanstrengung.
    Es liegt mir fern, Frau Mojzis verteidigen zu wollen, aber eine kleine Interpretation erlaube ich mir (auch wenn ich völlig daneben liegen sollte): Ich verstehe ihre Aussage re: neue Form der Journalisten so, dass sie sich von den infrage kommenden Bloggern (nicht von den Bloggern generell) ein paar Eigenschaften, Verhaltensweisen und Methoden erhofft, die aus dem (seriösen) Journalismus geläufig sind. Es wird davon abhängen, das richtige Segment der Blogger zu erreichen und die entsprechenden Beziehungen aufzubauen. Wenn dies richtig gemacht wird, sollte es auch kein Problem darstellen, einigen von ihnen Presseaussendungen oder andere Infos zu schicken, wenn die Zustimmung vorher vorliegt. Einfach wahllos Blogger zu pitchen, wäre ein fataler Fehler.
    Weitaus wichtiger dürfte aber sein, dass sich die Parteien behutsam in die vorhandenen Diskussionen (”conversations”) in den Blogs und Social Networks involvieren. Bin gespannt, wem das als erster Partei erfolgreich gelingt.

  3. Helge Fahrnberger

    Dass mein Fokus in der Betrachtung des Interviews ein anderer war, liegt wohl daran, dass mir Pressearbeit und Parteimarketing an sich vergleichsweise gleichgültig ist, ich bin da ja auch beruflich nicht so nah dran.

    Mir ist die Frage wichtiger, wie Elemente partizipativer Demokratie (nicht zu verwechseln mit direkter) in unser Demokratiemodell eingebaut werden können. Social Software liefert uns dafür Werkzeuge, die davor nicht zur Verfügung standen. Das ist denke ich auch das, was du in deinem letzten Satz (”weitaus wichtiger..”) ansprichst.

    Ich sehe halt die Gefahr, sich den Blick darauf zu verstellen, indem man Blogger anstatt als Wähler 2.0 als Journalisten 2.0 sieht. (Wobei zweiteres auf die Spitze des Eisbergs, also möglicherweise uns, in gewissem Maß auch zutrifft.)

  4. Markus Pirchner

    Da sind wir nicht so weit voneinander entfernt. Mich interessiert in erster Linie der Aspekt von Demokratie als diskursiver Prozess (mit Partizipation also als Voraussetzung, jedenfalls nach meinem Verständnis) im Gegensatz zu wahlarithmetischen Lockrufen (ungeachtet der Verabreichungsformen). Das wird aber nicht gehen ohne ein “Upgrade” auf Politik 2.0 :-)

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