Papiertiger
In seinem Editorial in der Ausgabe 39 des horizont riskiert Maximilian Mondel unter Zuhilfenahme des Schlachtrufes “Lang lebe die Tageszeitung!” die Prophezeiung, dass es auch im Jahr 2043 die “gute alte Zeitung”, also jene auf Papier gedruckte, geben werde. Man könnte auch sagen, er hat sich in die Gruppe der journalistischen “Pfeifer im Walde” eingereiht.
Mondel bringt gegen die Hypothese des US-Prof. Philips Meyer (“The Vanishing Newspaper”, 2004), dass es 2043 keine gedruckten Tageszeitungen mehr geben werde, ein Argument ins Spiel, das den Diskurs über die Zukunft des Journalismus und der Medien auf ein erbärmliches Abstellgleis dirigiert: die Haptik.
“Die Haptik einer Tageszeitung, die man vor- und zurückblättern kann, ist im Vergleich zum 2043 sicher längst massentauglichen E-Paper einfach nicht zu toppen”, präsentiert Mondel sein Trumpf-As. Und dem “Sexappeal einer frischen, eben erworbenen Tageszeitung” sei “einfach nichts entgegenzusetzen.”
Ja dann haben sich die Verleger weltweit wohl unbegründet Sorgen um die Zukunft der Branche gemacht und die sinkenden Verkaufs- und Werbeeinnahmen sind vermutlich auch nur ein konjunkturbedingter Ausreißer.
Endgültig absurd wird das Haptik-Argument – das verzweifelte Festhalten an einem Fetzen Papier, sozusagen -, wenn Mondel behauptet: “Auch wenn viele 15-Jährige heute gedruckte Tageszeitungen nur vom Hörensagen kennen, werden sie später wissen wollen, was in der Welt um sie passiert.” Ja, das werden sie wissen wollen, und sie werden es sofort – in Echtzeit – wissen wollen und nicht erst warten, bis sie eine mehrfach gefilterte Version des Geschehens in der gedruckten Ausgabe des nächsten Tages lesen dürfen. Und sie werden vergeblich nach den klickbaren Links suchen, die sie zu anderen Blickwinkeln und zu Hintergrundinfos, zu vielen authentischen Fotos und Videos führen, zu Blogs und Foren, wo sie ihre Meinung kundtun und Perspektiven mit Ihresgleichen diskutieren können.
Und die (papierene) Haptik? Die wird den Angehörigen der Generation Y schnurz sein, sie sind die Haptik von Gameboy, PlayStation, Wii, Tastatur, Maus und Fernbedienung gewohnt. Das Gefühl, das mäßig qualitatives Papier und frische, womöglich noch unzureichend trockeneDruckfarbe auf den Fingern hinterlässt, wird sie nicht beeindrucken.
Statt sich die Frage zu stellen (wie Prof. Meyer das in seinem Buch tut), wie sich Qualitätsjournalismus in Gegenwart und Zukunft behaupten kann, klammern sich manche an die Rezepte der Vergangenheit und versuchen diese mit den abstrusesten “Argumenten” zu verteidigen oder weichen auf Nebenschauplätze aus.
Ob jetzt Mondel Recht behält oder Meyer, ist mir letztlich egal. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich das im Jahr 2043 überprüfen kann, ist altersbedingt eher gering
Tags: printmedien

Am 10. Oktober 2007 um 16:09 Uhr
[...] zu werden. Was haben Föderl-Schmid (Der Standard), Georg Wailand (Kronen Zeitung), Maximilian Mondel (horizont) und sicher noch viele Andere, Ungenannte gemeinsam? Sie sind [...]
Am 8. November 2007 um 13:10 Uhr
[...] an den letzten Fetzen Papier klammern… Und zwar mit dem guten alten haptischen Argument, wie Markus unlängst gelesen hat (natürlich auf Papier). Er Zitiert aus dem Editorial von Maximilian Mondel (Horizont): [...]
Am 21. November 2007 um 12:11 Uhr
[...] Denn damit zieht das Argument der Zeitungsverleger, die Zeitung überlebe nur aufgrund der haptischen Anmutung, nicht mehr ganz so stark. Andererseits ist das Kindle (war eigentlich der Namensgeber Schwabe, [...]