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"Keine Angst, er beißt nicht." (aus: Berühmte letzte Worte)

Professionelles Blog-Monitoring?

In den PRVAnews ist gestern in der Rubrik “À propos” ein Kommentar von Brent Hentschel (Meta Communication International) erschienen, der einigen Einblick erlaubt, wie ein Medienbeobachter die Welt der Weblogs und anderer Web-2.0-Phänomene sieht – und professionell beobachtet. Die Ausführungen lechzen geradezu nach Ein- und Widerspruch, kommt in ihnen doch ein, sagen wir einmal: nicht alltägliches Verständnis der Blogosphäre zum Ausdruck.
Zunächst werden den Weblogs Ansprüche untergejubelt, die diese nie gestellt und daher auch nie eingelöst haben:

Hatten begeisterte Anhänger Blogs zunächst als „neue Medien“ in den Himmel gehoben, so wird ihre zu erwartende Entwicklung heute nüchterner eingeschätzt. Blogs machen den regulären Medien nicht die erwartete Konkurrenz und haben auch keine Gegenöffentlichkeit entstehen lassen.

Das ist nicht nur an den Haaren herbei gezogen, sondern auch noch falsch. Es gibt in der Zwischenzeit mehr als ausreichend Studien – zuletzt die “State of the News Media 2007″ -, die Reichweite und Einfluss von Weblogs, durchaus auch im Sinne von Gegenöffentlichkeit, hinlänglich belegen.

Besonders originell ist diese Beschreibung von Blogs:

Im Gegensatz zu regulären Medien sind sie eher mit Leserbriefen, Flugblättern oder Parolen an Häuserwänden vergleichbar …

Vermutlich fallen da nicht nur mir die Ähnlichkeiten mit gewissen “Klowände”-Sprüchen ein. Immerhin wird ihnen zugestanden, sie seien für “den Zeitgeist hochinteressant” und ein unverzichtbares Stimmungsbarometer. Auf jeden Fall lassen solche “Definitionen” auf ein überaus produndes Verständnis der neuen Kommunikationswelt schließen. Dem Autor geraten halt hin und wieder die Bauklötze durcheinander. Da wird – Kraut und Rüben – die Bedeutung von Blogs mit der Änderung von Politikereinträgen in der Wikipedia “erklärt” und – Äpfel und Birnen – der Begriff Blogs “weiter gefasst”:

Zu relevantem UGM-Content zählen statt Monologen ähnelnden Online-Tagebüchern privater Selbstdarsteller vor allem interaktive Bereiche wie die Wikipedia, Diskussionsforen einschlägiger Zeitungen, Parteien oder Organisationen (Gewerkschaften, Globalisierungsgegner, Umweltschützer) sowie Blogs meinungsbildender Prominenter bzw. Kritiker.

Besonders kokett finde ich das kontrapunktische “statt”, mit dem die paralleluniversale Definition von Weblogs als monologische Online-Tagebücher (ächz) privater Selbstdarsteller von anderen Kommunikationsformen – und Blogs Prominenter! – abgegrenzt werden.

Noch eine delikate Kostprobe gefällig?

Viele Blogs wollen offenbar gar nicht gefunden werden. Kostenlose Blog-Suchmaschinen wie Google-Blogsearch, Technorati oder IceRocket sind hilflos und liefern wie auch automatische RSS-Feeds auf bestimmten Blog-Seiten keine inhaltlichen Ergebnisse, die den Qualitätsanforderungen interessierter Kunden entsprechen.

Einmal abgesehen davon, dass ich die mir bisher unbekannte Spezies der Geheimblogs in die Blog-Typologie aufnehmen muss, halte ich die Aussage, dass die Blogsuchmaschinen “hilflos” seien, schlichtweg für “chuzpedig”. Leider geht aus dem Hentschel-Artikel nicht eindeutig hervor, wie Meta es anders bzw. besser macht. Ich sehe zwar ein, dass man sich nicht gerne in die Karten schauen lässt, wenn man ein geniales System gefunden hat, den großen Affenzirkus Blogosphäre bzw. Web 2.0 effizient zu beobachten.

Die Online-Redaktion von Meta Communication International kann inzwischen auf nützliche Erfahrungen zurückgreifen, …

Solche Nona-Aussagen überzeugen mich nicht. Wie das Unternehmen offensichtlich selber festgestellt hat, ändert sich die Topologie der Blogosphäre permanent. Blogs werden mit Enthusiasmus gestartet und verschwinden wieder, Blogger ändern den thematischen Fokus (manchmal über Nacht) usw. All das macht das Blog-Monitoring zu einer gewiss nicht einfachen Sache, die kontinuierlichen Einsatz erfordert. Dass dies völlig ohne Zuhilfenahme von Suchmaschinen wie Google Blogsearch, Technorati & Co. zu bewerkstelligen sein soll, halte ich für illusorisch. Sicherlich sind diese Instrumente nicht perfekt, sie bilden auch (bei weitem) nicht die Gesamtheit der Blogosphäre (geschweige denn der anderen dialogischen Online-Plattformen) ab. Aber sie sind weit reaktionsschneller als jedes manuelle, “humanbasierte” Verfahren. Minuten nach dem Veröffentlichen dieses Beitrages ist er bei technorati erfasst. Meta wird wohl etwas länger benötigen, falls diese monologische Häuserwand-Parole eines privaten Selbstdarstellers überhaupt auf ihrem Radar auftaucht.

Es ist also nicht etwa eine raffinierte Strategie, Weblogs kontinuierlich auf ihre Relevanz zu beobachten und das Monitoring permanent anzupassen, sondern die einzig mögliche Methode, überhaupt zu brauchbaren Beobachtungsergebnissen und handlungsrelevanten Bewertungen zu gelangen.
Und wenn der genannte und teilweise zitierte Kommentar das Web-2.0-Verständnis der Meta Communications International getreu widerspiegelt, dann … naja.

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2 Reaktionen zu “Professionelles Blog-Monitoring?”

  1. Ed

    man könnte nach dem “naja” mit dem du endest noch anfügen “dann gute nacht”.

    was anderes: ich habe mich in der letzten zeit eigehender mit der thematik eMonitoring beschäftigt und mit ein paar leuten sprechen können, die im bereich des offline-clippings und – ansatzweise – im bereich des onlineCliippings tätig sind. die wenigsten der anbieter verschwenden derzeit einen gedanken darauf, WAS thematisch in der blogsphäre abgeht. man ist halt noch viel zu sehr damit beschäftigt, zeitungsausschnitte zu sammeln. soll sein.

    wenn mir (als kunde) Brent Hentschel nicht mehr zu bieten hat, als diese seine sichtweise zum thema, dann frage ich doch lieber mal bei der konkurrenz nach. und die gibt es. ethority fällt mir hier etwa spontan ein aber da gibt es wohl noch mehr.

  2. Blogistan-Panoptikum Woche 12 2k7 auf datenschmutz.net 

    [...] Ein verzerrtes Bild der Blogosphere unterstellt Virtual Bites Brent Hentschel, dessen Kommentar zum medialen Stellenwert von Bloggern an Jean Remy’s legendäre Klowand-Aussage erinnert: Im Gegensatz zu regulären Medien sind sie eher mit Leserbriefen, Flugblättern oder Parolen an Häuserwänden vergleichbar… [...]

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