ein future bytes weblog

virtual bites

"Keine Angst, er beißt nicht." (aus: Berühmte letzte Worte)

Strengt euch gefälligst selber an

“Ist ihm/ihr die Recherche zu schwer, verschickt er/sie ein Questionnaire.”

Das scheint das inoffizielle Motto von Diplomarbeiten, Master Theses und sonstigen akademischen Pflichtübungen zu sein. Vor allem wenn es um Themen aus dem Bereich PR + Social Media (Web 2.0 etc.) geht, wird anscheinend erst einmal ein Online-Fragebogen zusammengeschustertstellt und in die weite Welt hinaus versandt. Anfangs habe ich, wie vermutlich viele andere Altruisten auch, fleißig die nur manchmal intelligenten Fragen beantwortet. Aber seit ein bis zwei Mal pro Woche derartige “Bitten um Unterstützung” (als die sich diese proto-akademischen AAL-Versuche tarnen) in meiner Inbox aufschlagen, bin ich nicht mehr bereit, den Studierenden die Arbeit abzunehmen.

Leute, es nervt und es reicht! Auch wenn jeder Fragebogen nur 10-15 Minuten Ausfüllzeit erfordert, ergibt das – konservativ – übers Jahr gerechnet immerhin 5 Stunden, die entweder mir als Freizeit oder meinen Kunden als Leistungserbringung abgehen. Und die Kompensation ist meist mehr als dürftig. Wenn die als “Entschädigung” versprochenen Diplomarbeiten überhaupt je den Weg zu den Befragten finden, ist der Inhalt in der Regel von geringem Erkenntniswert.

Von 190 Seiten sind 120 Methoden-Gelaber (ich weiß schon, dass das als Nachweis unerlässlich ist, dass die AutorInnen den Stoff ordentlich gepaukt haben), 25 Seiten Apparat, 30 Seiten Datenrohmaterial. Der Rest ist dann die Interpretation, die auf Daten beruhen, die zum Zeitpunkt der Approbation nicht mehr die aktuellsten sind.

Dieses Bombardement mit sich als MaFo gebärdenden Internet basierten Datenerhebungen ist aber nicht nur lästig, sondern auch fachlich fragwürdig. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass da einerseits bedenkenlos Fragen aus einem Facebook-Depot oder von einem Fragebogen-Napster gesaugt werden und ohne Hemmungen breit verschickt werden. Irgendwo wird schon irgendwas hängen bleiben und möglicherweise sogar retourniert werden. Den Erkenntniswert solcher Samples by Chance schätze ich ziemlich gering ein und daher auch die Interpretationen.

Und wenn dann z.B. mehr als die Hälfte der Fragen sich auf die persönlichen Daten (Alter, Geschlecht, Firmengröße) beziehen oder wenn eine Einschätzung gewünscht wird, welche Technologien (Blogs, Podcasts etc.) im Jahr 2015 noch relevant sein werden, dann sprintet mein Blutdruck in den kritischen Bereich.

Was denken sich eigentlich die akademischen BetreuerInnen solcher (Diplom)arbeiten? Es müsste ihnen ja – hoffentlich – klar sein, dass das mit wissenschaftlichem Arbeiten nur am Rande zu tun hat und dass man sich mit diesen Methoden die Unterstützung der Realdatenlieferanten auf Dauer ganz bestimmt nicht sichern wird. Im Gegenteil: Die Lust, sich an solchen Befragungen zu beteiligen, verhält sich indirekt proportional zur Häufigkeit ihres Auftretens.

Ein Vorschlag zum Guten: Warum hauen sich die Fachhochschulen und Universitäten nicht auf ein Packl und veranstalten gemeinsam regelmäßige Befragungen eines relevanten Samples zu Fragen der Web-2.0-Nutzung für PR-Aufgaben, verwalten die Ergebnisse zentral und machen sie allen – den Studierenden wie den Unternehmen und PR-Treibenden – frei zugänglich? In so einem Fall wäre ich gerne bereit, sogar vierteljährlich meinen Input zu liefern.

Und an die Studierenden, die glauben, dass ich einen nützlichen Beitrag für ihre Diplomarbeit (oder was auch immer) liefern könnte: Vergesst Online-Fragebögen. Überlegt euch sinnvolle, originelle Fragen, schickt mir diese und macht euch einen Interview-Termin aus. Wenn ich Zeit habe und glaube, etwas Substanzielles beitragen zu können, wird das auch zustande kommen. So haben wir beide mehr davon.

Tags: ,

6 Reaktionen zu “Strengt euch gefälligst selber an”

  1. wood19

    Trotzdem danke, auch so werden wieder einige Leute auf meinen Fragebogen aufmerksam gemacht ;-)

  2. Markus Pirchner

    Tja, Glück gehabt :-) Ändert aber nichts daran, dass es zu einer Unsitte geworden ist.

  3. Heinz Wittenbrink

    ++

    (mache bei der Alternative, die du vorschlägst, gerne mit!)

  4. Markus Pirchner

    @Heinz: Wen müsste man denn deiner Kenntis der “Branche” nach ansprechen, damit so ein Projekt Aussicht auf Realisierung hat?

  5. Ed

    wie ich dieses blog doch lieb hab :) ich bekomme zwar nur alle heiligen zeiten solche anfragen. aber ich bin ja auch bloß in kärnten zuhause… grees!

  6. Joe_Bertl

    ich sitze gerade – viel zu spät am Abend – am PC und bearbeite eine derartige Anfrage, am Montag gibt es ein kurzes Telefonat für eine andere Diplomarbeit … – die Frage ist: wie bekommt man das ganze in den Griff. Als Mitarbeiter eines halböffentlichen Unternehmens einfach zu sagen “wir machen das nicht” hat auch keinen schlanken fuss. Es gibt bei uns sogar einen Verantwortlichen der Diplomarbeiten betreut, allerdings kann der auf individuelle Detailfragen natürlich nie eingehen und schickt den “Interview-Leitfaden” (furchtbares Wort) wieder an uns Fach-idi…-experten. Ich fürchte: this keeps a neverending story …


blogoscoop