Twitter und die Professionalität
Wie sich die Zeiten ändern – oder auch nicht:
Hat in der Steinzeit ein dummer Grunzer genügt, dass der Faustkeil ausgefahren ist, führte bis ins 19. Jahrhundert ein unbedachtes Wort regelmäßig zum Duell im Morgengrauen. Zivilisierter ging es (auch nicht immer) im 20. Jahrhundert zu: Vergriff man sich im Ton, ließ sich manches durch ein Telefonat oder gar E-Mail klären und bereinigen.
Und im 21. Jahrhundert? Nun, da haben wir Twitter. Ein Instrument, das offensichtlich auch “alte Hasen” dazu verleitet, das Gehirn beim Tippen im Leerlauf (so viel wollen wir zugestehen) zu belassen. Und das kann dann schon dazu führen, dass der unverhofft Betwitterte auf Methoden des 19. Jh. zurück greift und Satisfaktion verlangt. Mit Sekundanten und Wahl der Waffen und so.
Das Mantel- und Degenstück, auf das ich anspiele, wurde durch ein ziemlich unbedachtes Twitterposting von Steve Rubel ausgelöst, der meinte, er würde bloß seine “friends” kurzinformieren, dass sein Freiabo-Exemplar von PC Magazine auf dem Mist landen würde (” PC Mag is another. I have a free sub but it goes in the trash,”). Was er nicht bedacht hatte: Der Satz steht für alle groß und auf Dauer lesbar im “Twitterspace”.
Verständlich, dass Jim Louderback, CR des PC Mag, nicht erfreut war. Aber was tut er? Er greift nicht etwa zum Telefon und klärt die Sache mit Herrn Rubel, sondern fängt in ziemlich kindischer Manier an zu lamentieren und sich zu überlegen, ob er nicht nur Mr. Rubel, sondern gleich die ganze Agentur Edelman und deren Kunden boykottieren soll. Pikanterweise bedient er sich dabei nicht des eigenen Magazins oder Twitter oder eines eigenen Blogs, sondern postet das via Strumpette-Blog (nö, der/die bekommt keinen Link). Da ziemlich gut bekannt (und dokumentiert) ist, dass Rubel und Amanda Chapel eine historische gegenseitige Animosität verbindet, kann das kein Zufall, sondern nur eine bewusste Gehässigkeit sein.
Inzwischen ist die Sache bereinigt, wie es scheint. Rubel hat erklärt, dass er so gut wie keine gedruckten Magazine, sondern nur die Online-Ausgaben oder RSS-Feeds liest, und sich entschuldigt (ohne sich wirklich zu entschuldigen), Jim Louderback hat’s akzeptiert. Alles wieder in Butter. Oder?
Es bleibt ein schaler Nachgeschmack: Wenn schon zwei professionelle Kommunikatoren beim Umgang mit neuen Tools so gekonnt auf die Schnauze fallen, wie sieht es dann mit weniger professionellen Kommunikatoren aus? Zum Beispiel so.
Und gerade lese ich bei Thomas Knüwer von einem weiteren Twitter-”Unfall”. Wenn das so weiter geht, werden wir bald so definieren: a twitter user is a twit.
