Unschuld verloren?
Bis vor kurzem konnte man davon ausgehen, dass die österreichische PR-Branche mehr oder weniger gesittet ihrem Tagewerk nachgeht. Sieht man von den gelegentlich großzügigen Auslegungen des §26 Mediengesetz ab, läuft das Geschäft ohne größere widrige Vorkommnisse. Die PR-Branche ist, so gesehen, besser als ihr Ruf.
Oder war? Einem Auftraggeber (Praterverband) und einer Agentur (Pleon Publico) wird nachgesagt, ein strategisches Konzept bestellt respektive ausgearbeitet zu haben, das die Grundlage dafür bilden sollte, eine amtierende Stadträtin (Grete Laska, SPÖ) zu diskreditieren und aus ihrer Funktion herauszuschießen. Das wäre nun tatsächlich das erste Mal, dass ein dem professionellen Selbstverständnis der PR-Branche und den ethischen Richtlinien des PRVA zutiefst widersprechendes Projekt wenn schon nicht geplant und durchgeführt, so doch wenigstens öffentlich bekannt geworden ist.
Die Akteure leugnen, in keineswegs akkordiert erscheinender Manier, die Existenz eines Konzepts, und wenn es denn eines gäbe, dann stünde nichts Unethisches drinnen, und wenn doch, dann sei das a) nicht gewünscht und b) nicht von der Agentur, sondern c) möglicherweise eine Manipulation. Dass letztere ein Werk jener Medien (“heute”, “Österreich” etc.) sei, die die “g’schmackigen” Teile des angeblich nicht existierenden und wenn doch, dann nicht in dieser Form Konzepts publiziert haben, dazu versteigen sich weder Agentur noch Praterverband.
Auch wenn das Geschehen bisher dem Spiel “Luzi-Prak” *) (einer inzwischen wohl historischen Prater-Belustigung) gleicht, es gibt ohne Zweifel auch eine ernste Seite, nämlich für den österreichischen PR-Verband PRVA: Sollte das Konzept wie kolportiert tatsächlich die geschilderten Attacken gegen die Stadträtin enthalten – egal, ob sie der Kunde verlangt und/oder akzeptiert hat -, verstieße dies gegen die ethischen Grundsätze des Verbandes, dessen Mitglieder sowohl die Agentur als auch ihr Geschäftsführer Markus Schindler sind. Angesichts der Schwere der Vorwürfe liefe es auf einen Ausschluss hinaus (zumindest nach meinem Verständnis und meiner Kenntnis der PRVA-Statuten).
Der PRVA steht nun vor der undankbaren Aufgabe, eine ausreichende Faktenlage zuwege zu bringen, die einen eindeutigen, argumentierbaren Beschluss erlaubt. Pleon Publico hat – zumindest öffentlich – abgewunken: Konzepte für Kunden unterliegen der Vertraulichkeit. Das gilt klarerweise auch für solche, die gar nicht erarbeitet wurden. Die den Medien zugespielten Versionen sind auch nur bedingt verlässlich, da deren Authentizität von Markus Schindler bereits angezweifelt worden ist.
Anderseits kann der PRVA aber auch nicht einfach aufgrund mangelnder Unterlagen sagen, “es war nix”. Das käme einer Bankrotterklärung gleich: Was nützen rigide Ethik-Regeln, wenn sie nicht exekutierbar sind. Hier steht die Glaubwürdigkeit des Verbandes auf dem Prüfstand.
Bemerkenswert erscheint mir auch das reichlich unbeholfene Krisenmanagement der unter medialem Beschuss stehenden Parteien. Statt sich in – teilweise widersprüchliche und wenig glaubwürdig anmutende – Dementis zu flüchten, hätte z.B. das strittige Konzept bei einem Notar oder Rechtsanwalt deponiert und ausgewählten Personen (z.B. dem PRVA-Präsidenten) unter dem Siegel der Verschwiegenheit zugänglich gemacht werden können. Damit wäre die Vetraulichkeit dem Kunden gegenüber gewahrt geblieben und dennoch die notwendige Transparenz hergestellt worden.
Bei Abweichungen des hinterlegten Konzeptes von der den Medien vorliegenden Fassung wäre sowieso eine Anzeige gegen Unbekannt die logische Konsequenz. Dass all dies bisher nicht erfolgt ist, macht die Reinwaschungsversuche von Praterverband und Agentur nicht glaubwürdiger.
Dem PRVA wird nicht erspart bleiben, sich mit der Causa und ihren Auswirkungen zu befassen. Wie immer es ausgeht, die Unschuld hat der Verband verloren.
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*) Luzi-Prak: ein legendärer, früher Automaten mit genial einfachem Spielprinzip: Aus einer Reihe von Vertiefungen schießt nach dem “Zufallsprinzip” jeweils ein Krampuskopf für einen kurzen Augenblick heraus. Es gilt, dieses Objekt mit einem gezielten Schlag eines lederüberzogenen Schlägels zu treffen und damit zu versenken, bevor es wieder von selber abtaucht. Jeder Treffer ein Punkt.
Tags: ethik

Am 6. August 2007 um 16:57 Uhr
nachdem ich diesen Kommentar fünf mal geschrieben und ebenso oft wieder gelöscht habe – vielleicht hat das auch damit zu tun, dass ich a) als politischer pressesprecher und danach bis mai 2006 b) bei der betreffenden agentur angestellt war – bleibt unterm strich (vorerst) nur so viel übrig:
verliert ein verband so rasch seine unschuld? bzw. anders gefragt, kann / darf ein verband eine solche unschuld überhaupt für sich / seine mitglieder beanspruchen?
ich denke nicht. Diese meine fragen sind ehrlich gemeint und zielen nicht darauf ab, unnötigerweise zu provozieren. Ich weiß, dass Ethik ein Thema ist und sein muss, ich bin mir nur nicht sicher, wie viel davon in der tatsächlichen Arbeit “am” Kunden übrig bleibt. Dass wir alle davon ausgehen, dass möglichst ethisch gearbeitet wird, ist natürlich klar.
Am 6. August 2007 um 18:39 Uhr
Nun, es gilt auch hier das Prinzip “innocent until proven guilty”. Der Verband verliert nicht seine Unschuld, wenn ein Mitglied gegen die ethischen Grundlagen verstößt, sondern dann, wenn er nicht in der Lage ist, das Problem mit diesem Mitglied so zu lösen, dass die Durchsetzbarkeit der Prinzipien gewährleistet ist. Das ist in diesem Fall noch nicht endgültig geklärt, daher auch die Headline mit Fragezeichen.
Wir dürfen gespannt sein.
Am 9. August 2007 um 19:54 Uhr
gibts was neues aus der vorstand sitzung?
Am 9. August 2007 um 20:28 Uhr
noch nichts Offizielles