Gut beraten
Heute ist ein guter Tag, wieder einmal einen Blogeintrag zu schreiben: Die halbe Welt ist mit anderen Dingen beschäftigt, nicht zuletzt damit, sich wild entschlossen in die richtige Weihnachtsstimmung zu versetzen. Das bedeutet (für mich) – Ruhe.
Die PR-Branche hat sich schon am 12.12. ein, verfrühtes, Weihnachtsgeschenk zugedacht: Nach gut einem Jahr der Diskussionen und intensiven Vorbereitungsarbeiten hat der PR-Ethik-Rat unter dem Vorsitz des emeritierten Univ.-Prof. Dr. Wolfgang R. Langenbucher seine Tätigkeit aufgenommen.
Das ist zunächst einmal ein eminenter Schritt für die Selbstreinigung der Branche; denn auch wenn in den vergangenen Jahren der PRVA, der in seinen Statuten festgelegt hat, dass unethisches Verhalten bis zum Ausschluss aus dem Verband führen kann, so gut wie nie Anlass bzw. Handhabe für die Ahndung von Verstößen gehabt hat, ist doch allen mit den Usancen der PR- und der Medienszene Vertrauten klar, dass unlautere, unethische Praktiken vorkommen.
Der Einschränkung, nur gegenüber seinen Mitgliedern aktiv werden zu können (wie der PRVA) unterliegt der nach dem deutschen Vorbild konzipierte österreichische PR-Ethik-Rat nicht, was einen erheblichen Vorteil darstellt. Und er kann – und wird – auf eigene Initiative aktiv.
Cops?
Meine Einstellung zum PR-Ethik-Rat ist ambivalent: Zum einen stellt er eine große Chance dar, unabhängig von eventuellen Verbandsrücksichten und ungeachtet von Stand, Einfluss und Position der potenziellen “Delinquenten” Fälle zu untersuchen und, falls erforderlich, Empfehlungen auszusprechen oder auch jemanden an den Pranger zu stellen (auch wenn diese nicht Mitglieder der drei Trägerorganisationen sind).
Allerdings sieht sich der Ethik-Rat hier – in seiner “Cop”-Funktion, gewissermaßen – mit genau den gleichen Restriktionen konfrontiert wie der PRVA bisher: Wenn der Nachweis nicht hieb- und stichfest ist, gibt es eben keinen “Fall”. Diese Situation, dass die Wahrnehmung der Branche als ethische Profession davon abhängt, wie geschickt oder patschert die Agierenden im Verschleiern und Vertuschen unlauterer Vorgänge sind, empfinde ich als zutiefst unbefriedigend und als einen Schwachpunkt des Ethik-Rates (und der Ethik-Rat-Konzeption insgesamt).
Großes Interesse in Europa
Mit diesem Einwand bin ich nicht allein, noch ist es der einzige Vorbehalt, der auf europäischer bzw. internationaler Ebene geäußert wird. Die Bildung von nationalen Ethik-Räten bzw. auch die Schaffung eines europäischen Ethik-Rates für PR ist z.B. in der Task for Ethics and Professional Behaviours der CERP (Dachverband der europäischen PR-Verbände) wird seit einiger Zeit diskutiert, und das durchaus kontrovers.
Das Interesse an PR-Ethik-Räten ist groß: In Italien ist einer in Planung, das Ethik-Komitee in der Türkei soll restrukturiert werden und in einigen Ländern sind Factfinding-Prozesse im Gange. In anderen Ländern, wie zum Beispiel in Großbritannien, wäre ein Ethik-Rat aufgrund des Rechtssystems undenkbar, da jeder Rats-Spruch (oder auch nur die vorangehende Untersuchung) eine Prozesslawine in Gang setzen würde, die a) sehr kostspielig wäre und b) sich über viele Jahre hinziehen würde.
Educator?
Einen europäischen Ethik-Rat wird es daher in absehbarer Zukunft weder in einer “Cop”-Funktion noch als “2. Instanz” (für Beschwerdeführung) geben. Was allerdings denkbar ist und auch diskutiert wird, ist eine andere Rolle: nämlich als definitorische Instanz. Der Ethik-Rat untersucht und definiert, was ethisches Verhalten in der PR ist, und kommuniziert diese Positionen gegenüber der PR-Branche, den Medien, den Unternehmen usw.
Diese “Educator”-Rolle wünsche ich mir auch vom österreichischen PR-Ethik-Rat, noch mehr als dass er als “Cop” gute Arbeit leistet. Dazu wäre es aber nötig, dass er sich in den auf internationaler Ebene stattfindenden Diskurs über Ethik in der PR einklinkt, bzw. dass die entsprechenden Organisationen – also in erster Linie die Global Alliance und die CERP – die bestehenden und die sich in Gründung befindenden nationalen Ethik-Räte zur Kooperation einladen und ihnen in den Gremien Sitz und Stimme geben.
Dem österreichischen Ethik-Rat wünsche ich viel Erfolg (das kann der PR-Branche nur gut tun), und den Rats-Mitgliedern, allen voran den aktiven PR-KollegInnen und -Kollegen, gratuliere ich zu ihrem Mut. Sie haben eine Aufgabe übernommen, mit denen sie sich wohl nur wenige Freunde schaffen werden.
Tags: CERP, ethik, Ethik-Rat, Global Alliance, PR-Ethik, pr-ethik-rat

Am 25. Dezember 2008 um 18:18 Uhr
Danke – ich beginne zu verstehen, um was es geht. Die Passage zur Verschleirung ist wichtig, und die internationale Perspektive sehr spannend!
Am 29. Oktober 2010 um 13:09 Uhr
Was wurde eigentlich aus dem Ethikrat? Hat es Aktionen gegeben? Verbesserungen?
In den News ist ja nicht allzu viel los.. auf http://www.prethikrat.at
lg DL
Am 29. Oktober 2010 um 13:34 Uhr
Der Ethikrat ist nach wie vor aktiv, wobei der Großteil der Arbeit – wenig überraschend – nicht-öffentlich geleistet wird. Mir ist auch nur das bekannt, was publiziert wurde und wird, d.h. ich habe keine darüber hinausgehende Informationen. Sorry.