Offener Brief an Georg Holzer
Georg Holzer, Journalist bei der Kleinen Zeitung in Kärnten, hat auf seinem Blog gestern die große Keule ausgepackt und meint, diese der PR-Branche über die Rübe ziehen zu müssen. Er fühlt sich nämlich belästigt von der großen Anzahl an Presseaussendungen, die ihn nicht interessieren, aber dennoch erreichen. Große Keulen haben den Nachteil, nicht besonders treffsicher zu sein und zu viele Kollateralschäden zu verursachen.
Da ich mit Georg, den ich im Übrigen sehr schätze (nur nicht in dieser Frage
, über das Thema schon auf Ed Wohlfahrts Blog diskutiert habe, pfeife ich hier auf Deeskalation und widme ihm folgenden Offenen Brief:
Lieber Georg,
welcher Teufel hat dich denn geritten oder hat deine schon pathologisch anmutende Antipathie gegen die PR-Branche jetzt auch die letzten Ventile überwunden? Deine Pranger-Aktion ist dumm, kontraproduktiv und unoriginell: Dumm, weil sie am eigentlichen Problem vorbei geht (und das weißt du, denn wir haben lagen genug darüber debattiert); kontraproduktiv, weil sie nicht nur keine generell praktikable Lösung bietet, sondern das (Reiz-)Klima zwischen beiden Berufsgruppen vergiftet; unoriginell, weil das Thema schon vom Wired-Chefredakteur Chris Anderson (vor gerade mal zehn Monaten) abgefrühstückt wurde.
Du hast zwar das Problem geortet: Einige/mehrere/viele PR-Abteilungen und -Agenturen verschicken (zu) viel Presseaussendungen mit a) uninteressanten Meldungen und b) an die falschen JournalstInnen. Okay, das müsste – angesichts der technischen Möglichkeiten: darf – nicht sein. Passiert trotzdem. Shit happens. Da hat die PR-Branche sicher einiges ins Reine zu bringen. Aber: wenn ich mir deine Rote Liste anschaue, scheinst du ja nicht einmal in der Lage zu sein, PR und Marketing bzw. andere Kommunikationsfunktionen auseinander zu halten. Birnen und Äpfel, das gibt bestenfalls Kompott.
Deine (allgemeine) “Lösung” ist putzig: Natürlich kann jede/r JournalistIn selber entscheiden, welche Pressemitteilung von welchem Unternehmen er/sie haben möchte. Aber genauso hat jedes Unternehmen das Recht, Aussendungen an Medien/JournalistInnen zu schicken, von denen sie (optimalerweise aus gutem Grund) annehmen kann, dass sie in deren Themenkreis/Ressort fällt. Die Idee mit dem Subscribe-Button ist nett, nur scheitert sie daran, dass sie a) nicht garantiert, dass nur interessante Sachen den Subscriber erreichen und b) dass einige/viele/die meisten JournalistInnen zu faul/desinteressiert/unfähig sind, diesen Button auch zu klicken. (Ich weiß schon, das ist jetzt genau so ungerecht wie die Ausfälle des G.H. und wurde genau deswegen so geschrieben.)
RSS wäre eine elegante Lösung, die allerdings daran scheitert, dass weder PR noch JournalistInnen darüber ausreichend Bescheid wissen bzw. es einsetzen. Da hättest du dir Verdienste um das Wohlergehen beider Branchen erwerben können, indem du die ganze Energie für einen Kreuzzug für RSS stecktest, statt sie für einen blindwütigen Rundumschlag zu verfeuern.
Bringschuld – Holschuld
Du gestehst zwar zu, dass es schwierig sei “eine Datenbank zu führen, die alle Interessen der einzelnen Journalisten beinhaltet”, insinuierst aber gleichzeitig, dass das eine von der PR-Branche zu leistende Aufgabe sei. Das ist ganz schön arrogant. Wenn, dann sollten beide Seiten das Ihre dazu beitragen. Auch hier: dafür würde sich die Energie lohnen, und ich bin sicher, dass der PRVA (dessen Mitglied ich zwar bin, für den ich aber nicht spreche) für alle Initiativen in diese Richtung ein offenes Ohr hat. Wo, bitte, tut den die Schreibende Zunft etwas, um ihre Interessen – detailliert und aktuell gepflegt – zentral abrufbar zu machen? Warum soll die PR-Branche eine Menge Zeit, Hirnschmalz und Geld dafür aufwenden, den JournalistInnen hinterher zu hecheln und herauszufinden, wo sie gerade womit beschäftigt sind? (Zum Großteil tut sie es ja ohnehin.)
Primadonna spielen und, wenn mal etwas nicht klappt, kreischen wie die Kreide an der Schiefertafel, ist nicht nur ineffizient, es ist auch – mit Verlaub – pubertär.
Georgs Lösung
Mit deiner Lösung bin ich einverstanden. Wer dir nicht passt, kommt in den Spam-Filter. Klare Ansage. Gutes Recht. Aber das berechtigt dich nicht dazu, jene Firmen öffentlich anzuprangern, nur weil sie dir einmal/manchmal/öfters Presseaussendungen zugeschickt haben, die dir nicht in den Kram passen oder mit deinem professionellen Fokus nichts zu tun haben.
Wo es mir aber die Haare aufstellt, ist die Argumentation: sie hätten keinen Unsubscribe-Link in ihren Aussendungen. Was soll das denn? Selbst wenn es anzuraten ist, solche Feedback-Möglichkeiten einzubauen, so gibt es – meiner Meinung nach (aber ich bin kein Anwalt) – keinerlei Verpflichtung dazu, also auch nichts, weswegen irgend jemand anzuprangern wäre. Aus unserer Diskussion weiß ich, dass du dich gerne auf den §107(2) des TKG aus 2003 berufst. Es entgeht dir dabei, dass Presseaussendungen implizit und explizit Bestandteil der professionellen (beruflichen) Beziehung zwischen JournalistInnen und Unternehmen/Organisationen/Agenturen sind.
Kleines Gedankenexperiment: Was würde passieren, wenn die PR-Branche alle JournalistInnen und Medien an den Pranger stellen würde, die unrichtige, unvollständige, falsche, verdrehte etc. Dinge über die Unternehmen geschrieben haben bzw. schreiben, obwohl sie ausreichend mit Fakten versorgt wurden? Was für eine Liste das erst ergäbe. Und wenn die Unternehmen/PR-Agenturen diese Medien/JournalistInnen nicht mehr mit Informationen versorgten, würden 70% der Seiten der Printmedien leer bleiben.
Pranger = Mittelalter
Die Methode, unliebsame PR-Agenturen an den Pranger zu stellen, habe ich schon bei Chris Anderson als Notwehrüberschreitung empfunden. Es ist ein mittelalterliches Strafmittel. Und auch wenn es deinem Ego vielleicht wohl tut, Richter und Henker in Personalunion zu spielen: Du überschreitest damit eine Grenze – und ich bin mir nicht sicher, ob dir klar ist, was du da tust.
Über die Verhältnismäßigkeit der Mittel will ich mir gar nicht erst den Kopf zerbrechen, das sollen die Juristen oder Philosophen oder Moraltheologen machen.
Ganz pragmatisch aber: Wenn du mit dem Informationsaufkommen (“100 E-Mails am Tag”) nicht klar kommst, solltest du dir überlegen, ob du wirklich den richtigen Job gewählt hast.
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Disclaimer: Obwohl Inhaber einer PR-Agentur zählen Media Relations nicht zum Angebotsumfang unserer Agentur. In früheren Positionen habe ich jedoch beide Seiten kennen gelernt: als Journalist und als PR-Mitarbeiter. Die Probleme, die die beiden Branchen miteinander haben, sind mir aus erster Hand geläufig. Als Journalist – vor mehr als 20 Jahren – sind täglich mehrere Dutzend Aussendungen (in Papier und im verschlossenen Kuvert) auf meinem Schreibtisch gelandet, der Großteil von geringem bis nicht vorhandenem Informationsgehalt. Wir haben damals den Kopf geschüttelt und die Rundablage gefüttert. Möglicherweise werden heutige JournalistInnen ja mit Mimosen gefüttert.
Tags: georg holzer, journalismus, pr-branche, pranger, presseaussendung

Am 7. September 2008 um 23:17 Uhr
[...] Seitehiebe parat und sich dann ein paar Tage sp
Am 9. September 2008 um 12:32 Uhr
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