ein future bytes weblog

virtual bites

"Keine Angst, er beißt nicht." (aus: Berühmte letzte Worte)

Wir sind nicht Obama

Wahlkampf is. Also jene Phase in den – immer weniger kalkulierbaren – politischen Jahreszeiten, in der es die inhaltsleere Phrasenstreu besonders aufdringlich durch die Gegend weht. (Zweifler bitte hier nachlesen.) Im Vergleich zu 2006 stehen den Stimmenfängern und -fängerinnen neue Tools zur Verfügung (böses Web 2.0! :-) , von denen sie ungeniert – weitgehend unbedarft und konventionell – Gebrauch machen.

Das Positive zuerst

Die rühmliche Ausnahme im Tanz um die Mandate bilden (bisher) die Grünen. Initiiert von Christoph Chorherr (anscheinend nicht ohne fachkundige Einflüsterungen seitens Helge Fahrnberger) startete ein Experiment in Crowdsourcing (in diesem Fall das Anzapfen kollektiver Kreativität), das nicht nur Dutzende Plakatentwürfe in teilweise professioneller Qualität, mit Witz und politischer Schärfe produzierte, sondern auch zu erheblicher medialer Beachtung geführt hat.

Aus den vielen Vorschlägen wurden über ein (technisch ziemlich patschert durchgeführtes) Online-Voting 3 Sujet-Serien als “Sieger” gekürt, nicht unbedingt zur ungeteilten Freude der Community. (Mein Favorit hat es immerhin noch auf den 3. Platz geschafft, eine Komplettübersicht gibt’s auf Flickr.

Ich hatte den Eindruck, dass die Initiatoren vom raschen und auch überzeugenden Erfolg der Aktion nicht nur überrascht, sondern auch unter Zugzwang gesetzt worden sind. Nach Dutzenden Plakatvorschlägen wäre ein Rückzieher keine Option mehr gewesen, die ohne größeren Imageverlust in der Zielgruppe ausgeübt hätte werden können.

Schatten ohne viel Licht

Ihr Online-Image scheint anderen politischen Gruppierungen dagegen völlig egal zu sein. Unverkennbar haben die beiden größeren Parteien ein bisschen im US-amerikanischen (Vor)Wahlkampf gekiebitzt und glauben nun das, was sie dort gesehen haben, per Copy&Paste auf österreichische Verhältnisse übertragen zu können. So schaut’s auch aus und ist grässlich anzusehen.

Viel Personalisierung (wann ist eigentlich die Idee der politischen Position und deren Kommunikation gestorben?), etliches (reichlich grottiges) Webseitiges und – weil’s nicht fehlen darf – der Griff in die Trickkiste der Web-2.0-Tools. Wie bei Letzterem dilettiert wird, entzieht sich jedoch einer konzisen Schilderung. Nicht, weil diese faktisch schwierig wäre, sondern weil die Gehversuche der Spitzenkandidaten so heftig zwischen peinlich und skurril oszillieren, dass ich mich nicht entscheiden kann, ob ich mich erschüttert abwenden oder vor Lachanfall winden soll.

Besonders toll finde ich den Einsatz von twitter. Sowohl Molterer als auch Faymann (im Gespann mit Laura Rudas) werfen auf diesem Wege kurzgemeldete Reisepläne unters Volk – mit abnehmendem Enthusiasmus. Politische Statements oder gar Reaktionen auf das Feedback ihrer follower gibt es natürlich nicht. So weit kommt’s noch, dass sich ein Politiker zu einem Dialog mit dem virtuellen Wahlvolk herab lässt. Gut, so zahlreich sind jene nicht, die sich dazu überwunden haben, die twitter-Meldungen zu empfangen: 90 bei Molterer, 54 bei Faymann. Obama-Werte sind das nun nicht gerade, der hat derzeit immer noch mehr als 61.000.

Ein Gustostück politischer Kommunikationskultur sind jedoch die twitpics von Molterer, den offensichtlich ein Fotograf (oder fotografierende/r Mitarbeiter/in) auf Schritt und Tritt begleitet und knipst, was der Auslöser hergibt. In Kombination mit den Begleittexten ergeben sich herrlich absurde Kombinationen: Paraphrasen auf den aktuellen Zustand des politischen Niveaus in Österreich.

Tags: , , , , , , ,

Einen Kommentar schreiben


blogoscoop