Zeichen an der Wand
Wände sind seit Menschengedenken öffentliche Träger von Zeichen: von den Höhlenmalereien von Lascaux über die Jerusalemer Klagemauer (Kotel) mit ihren Gebetszettelchen bis zu den mit Plakaten und Graffiti übersäten Ziegel- und Betonmauern unserer Tage.
Und jetzt also die Twitterwall, die jüngste, digitale Metamorphose affichierter Botschaften. Ohne Zweifel haben sich diese – die Botschaften wie die Wände – im Laufe ihrer Evolution stark gewandelt, wobei Nachhaltigkeit und Wirkung (oder Bedeutung) indirekt proportional zu sein scheinen. So hat die prähistorische Symbolik von Lascaux zwar mehr als 17.000 Jahre überdauert, die Bedeutung für unser aktuelles Leben ist jedoch bestenfalls marginal (außer für Kunsthistoriker und die UNESCO). Tweets hingegen sind von extrem kurzer Lebensdauer, können aber einiges in Bewegung bringen. Oder auch nur Unruhe stiften.
Bereicherung oder Ablenkung?
Nimmt man heute an einer Konferenz, einem Symposium, einer Präsentation oder gar einer “unconference” (dort ganz besonders) teil, ist die Chance groß, dass für Feedback vom und Interaktion mit dem Publikum eine Twitterwall eingerichtet wurde. Nicht immer zur ungeteilten Freude der Vortragenden und des Auditoriums.
Twitter ist ein auf Dauerfeuer eingestelltes Katapult, mit dem alle ihre Datenbrocken durch die virtuelle Landschaft schleudern können. Manche sind hilfreich, weil sie eine Bresche in die Mauer der eigenen Uninformiertheit schießen, andere sind erheitern oder durch ihren Blickwinkel erfrischend, andere wiederum kritisch, ätzend oder sogar beleidigend. Und wer schon einmal von so einem boshaften kleinen tweet erwischt wurde, weiß, dass auch 140 Zeichen (oder weniger) schmerzhafte Wunden schlagen können.
Beim World Blogging Forum 2010 in Wien (am 13. November) haben ein paar die Grenzen zivilisierten Kommunizierens überschreitende tweets, die sich u.a. über physische Äußerlichkeiten eines Vortragenden “lustig” gemacht haben, Unmut und Aufregung innerhalb der Blogger-Szene ausgelöst (als Beispiel sei “Stirb, Twitterwall, stirb!” genannt). Obwohl die ablehnenden Reaktionen nachvollziehbar und gerechtfertig sind, ist die Conclusio, die manch daraus ziehen, nämlich die Twitterwalls zu verbannen, absurd. Das passiert nun mal, wenn Menschen kommunizieren, egal mit welchen Mitteln.
Nicht die Twitterwall ist Schuld, sondern die Twitteranten
Eine Twitterwall ist ein Tool, nicht mehr. Und man kann die Wand nicht verurteilen, nur weil jemand blöde Sprüche draufkritzelt. Mit der nötigen Umsicht und Vorbereitung sind Twitterwalls eine Bereicherung von Events. Und man muss kein Einstein sein, um das halbwegs vernünftig hinzubekommen. Es genügt, wenigstens die folgenden Dinge zu beachten:
- “Tweet happens”. Es ist nicht zu verhindern, dass eine (wachsende) Anzahl von Teilnehmenden live von einer Veranstaltung twittern. Selbst wenn man selber kein WLAN zur Verfügung stellt, bleibt immer noch der Weg über das Smartphone. Man müsste also mit einem Jammer auch die Mobiltelefonie lahmlegen – und damit auch gleich die eigene Reputation. Für eine Weile wird es unweigerlich zu unserem PR-Alltag gehören, dass in unseren Events Menschen sitzen, die nicht nur zuhören, sondern sich mit dem Gehörten und Gesehenen aktiv auseinandersetzen, dazu Stellung nehmen, interagieren (wollen), sich engagieren.
Wenn diese Kommunikationsebene ohnehin nicht zu verhindern ist, warum sie dann nicht aktiv nutzen? - Vortragende, die mit den Möglichkeiten moderner Kommunikation nicht ausreichend vertraut sind, sollten schonend, aber bestimmt darauf hingewiesen werden, dass sie es eventuell nicht mehr mit passiver Zuhörerschaft zu tun haben, sondern mit einem aktiven, interagierenden Publikum, und dass es durchaus zu scheinbar unerklärlichen Äußerungen (sogar Gelächter) kommen kann, die nicht unmittelbar mit dem Gesagten oder Gezeigten zu tun haben. Dann kursiert eben gerade auf dem Parallel-Kanal Twitter irgendetwas, das diese Reaktionen auslöst.
Letzten Endes liegt die Entscheidung aber bei den Keynote-Speakern, PräsentatorInnen und ModeratorInnen, ob sie während ihrer Bühnenpräsenz eine Twitterwall haben wollen oder nicht. - Nicht alle Vortragenden sind Multitasker. Die Mehrzahl ist überfordert oder wenigstens über Gebühr gestresst, wenn sie ihre Präsentation abliefern und gleichzeitig das Geschehen auf einer Twitterwall verfolgen sollen. Es empfiehlt sich daher, das eine weitere Person das Geschehen auf der Twitterwall verfolgt und bei passender Gelegenheit der Person am Mikro in komprimierter und vorselektierter Form weitergibt.
Die wenigen SprecherInnen, die sich von einer Twitterwall nicht aus der Fassung bringen lassen, sollten sie direkt im Blickfeld haben, um darauf reagieren zu können. - Die Entscheidung, ob eine Twitterwall auf das Publikum losgelassen wird, hängt auch von diesem ab. Es ist vermutlich weniger sinnvoll, einen Saal voller Vorstandsvorsitzender oder Verleger mit einer Twitterwall zu molestieren, abgesehen davon, dass ohnehin keiner der Anwesenden sie nutzen würde (oder wüsste, wie das geht). Ist der Geek- bzw. Nerd-Anteil aber hoch, dann geht es kaum noch ohne.
- Keine Twitterwall ohne Moderation. Eine unmoderierte Twitterwall, auf der ungefiltert alles erscheint, was die Twitteruser beisteuern zu müssen glauben, ist ein unverantwortliches Risiko. Es ist gutes Recht des Veranstalters, alles von der Twitterwall fernzuhalten, was nicht mit dem Thema zu tun hat. Das ist keine Zensur, und dazu sollte die Moderation auch nicht missbraucht werden. Zensurversuche werden sofort entdeckt (der Twitterstream existiert ja vollständig außerhalb der Twitterwall, die moderierenden Eingriffe sind also sofort nachvollziehbar) und führen zu sehr unangenehmen Situationen.
- Das Publikum muss von Anfang an über die Bedingungen informiert werden, unter denen die Twitterwall zur Verfügung steht, d.h. sie sollten mit einer kleinen “twitter policy” vertraut gemacht werden: es wird moderiert, nur tweets zum Thema (im weitesten Sinn) werden durchgelassen, keine persönlichen Untergriffe. Oder kurz: Bitte vernünftig twittern.
- Der Hashtag ist zu wichtig, um ihn anderen zu überlassen. Selbst wenn keine Twitterwall geplant ist, sollte man für die eigene Veranstaltung einen kurzen, knackigen und dennoch aussagekräftigen Hashtag bestimmen und kommunizieren. Andernfalls werden das die Twitteruser erledigen, und es wird um einiges aufwändiger, den Twitterstream nach Meldungen zu den Themen des eigenen Events zu durchforsten. Und auf das Monitoring zu verzichten wäre ein fataler Fehler, oder?
Eine Twitterwall in die eigenen Kommunikationsaktivitäten einzubauen ist, wie man sieht, nicht wirklich schrecklich kompliziert. Und wenn man mit Hirn an die Sache geht, wird sie zu einer Bereicherung, weil sie den Dialog inspiriert und auch Nicht-Anwesenden die Chance gibt, daran teilzuhaben.
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