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"Keine Angst, er beißt nicht." (aus: Berühmte letzte Worte)

Archiv der Kategorie ‘Sonstiges‘

Zunehmend irrational

Mittwoch, den 20. Dezember 2006

Eine kurze Wettervorhersage des globalen intellektuellen Klimas könnte lauten: Zunehmend irrational; mit verbreiteten fundamentalistischen Niederschlägen ist zu rechnen.

Nicht schlecht gestaunt habe ich gestern (19.12.) bei Johannes B. Kerner im ZDF, als er nicht nur ein paar esoterischen Tussis – von Nina Hagen (deren Musik und Bühnenshow ich mag) bis zu Gabriele Hoffmann, der einzigen amtlichen (!) Wahrsagerin Deutschlands – breiten Raum für ihr Gesülze einräumte, sondern auch noch den bemerkenswerten Satz fallen ließ: “Sie haben sich in den vergangenen Jahren mit der Wissenschaft der Astrologie (sic!) beschäftigt …”. Doch, doch, jbk hat Astrologie gesagt und gemeint. Leider hat er nicht erwähnt, seit wann die Sterndeuterei – also übelster Aberglaube – als Wissenschaft anerkannt wäre.

Der NDR schreibt über Frau Hoffmann (die aussieht, als wäre sie die Schwester der Schauspielerin Andrea Sawatzki – ohne dass ich damit etwas insinuieren wollte), dass ihren Prophezeiungen Wirtschaftsbosse, Politiker und Showstars Glauben schenkten. Okay, bei den Showstars soll’s sein; aber Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft? Also nicht mehr Sachverstand, politisches Gespür, gesellschaftliche Verantwortung sind für Weichenstellungen ausschlaggebend, sondern … die Konstellation von Planeten? Und zwar nicht von allen Abertrilliarden von Planeten, sondern nur von einer Handvoll?

Bin schon gespannt, wann die ersten PR-Agenturen eigene astrologische Competence Center einrichten. (He, das war ein Scherz.)

Auf der anderen Seite rangiert Richard Dawkins‘ neuestes Buch, das absolut lesenswerte “The God Delusion” (derzeit leider nur auf Englisch verfügbar), in der Bestsellerliste der NY Times auf Platz 5. Noch ist die Menschheit anscheinend nicht verloren.

BarCamp 2007

Freitag, den 15. Dezember 2006

Wenn Sie BarCamp für eine Veranstaltung für Outdoor-Trinker halten, dann benötigt Ihr Wissenstand dringend eine Auffrischung. Im Englischen auch als un-conference bezeichnen, verkörpert ein BarCamp die sich mehr oder weniger spontan selbst-organisierende Zusammenkunft von Personen, um sich zu einem “Generalthema” – das, o Wunder, meist mit Weblogs, Social Media, Web 2.0 etc. zu tun hat – intensiv auszutauschen.

Nach der ziemlich erfolgreichen Premiere – BarCamp Vienna (war leider verhindert) -  im September 2006 steht für 3. und 4. Februar  2007 das BarCamp Klagenfurt auf dem Programm. Auch bei diesem gilt wieder das Grundprinzip derartiger Nicht-Konferenzen”: Erlaubt ist, was gefällt. Es existiert kein von Organisatoren fix vorgegebenes Programm – dieses wird von den Teilnehmenden selber durch ihre Input (Präsentation, Demo, Diskussion) bedarfsgerecht zusammengestellt.

Damit läuft das BarCamp gar nicht erst Gefahr, dass sich durch die Routine der ewig gleichen Vorträge der ewig gleichen Hotshots aus dem Konferenzen-Zirkus allmählich, aber sicher lähmende Langeweile breit macht. Auf der anderen Seite muss aber auch zu großer Beliebigkeit ein Riegel vorgeschoben werden. Die Organisatoren – Georg Holzer, Daniela “Zuckerwatte” Terbu und Ed Wohlfahrt (und inoffiziell auch ich ein bisschen) – haben deshalb einen thematischen Bezugsrahmen definiert, der aber im Vorfeld von den Teilnehmenden geändert bzw. erweitert werden kann: Technik, Web & Social Software.

Mitmachen können im Prinzip alle, die bereit sind, Ideen, Kreativität, Interesse und (möglichst) einen Laptop mitzubringen. Aller Voraussicht nach wird es WLAN-Zugang geben, die Events sollen aufgezeichnet und ins Netz gestellt werden.

Was das BarCamp Klagenfurt jetzt benötigt, sind massig Leute, die aktiv mitmachen wollen, und natürlich auch ein paar Sponsoren (hallo Martin, wie wär’s ;-) ).

Zweckdienliche Hinweise für alle finden sich zuhauf auf dem BarCamp Wiki.

Adventitis

Freitag, den 8. Dezember 2006

Mein Kalenderjahr besteht aus 11 Monaten und einer Quarantänephase. Letztere bezeichnet die Zeit, in der ringsum die Adventitis grassiert. Adventitis ist eine Viruserkrankung, die sehr schnell endemische Ausmaße erreicht, bevorzugt urbane Kommunen befällt und in jährlich wiederkehrenden, heftiger werdenden Schüben auftritt.

Die betroffenen Städte – Wien z.B. – bekommen dann an ihren sonst offenen Räumen (besonders gefährdet sind Plätze, belebte breite Straßen und Parks) Pusteln in Form von Holzbuden, die wie auf Kommando aus dem Asphalt schießen wie die Akne-Pickel aus der Haut Pubertierender.

An besonders neuralgischen Zonen bilden sich ganze Cluster dieser seltsamen Gebilde aus. Die nennen sich seit neuestem “Weihnachtsdorf”, wohl weil einem ganz einfühlsamen Kreativen klar geworden ist, dass Advent- bzw. Christkindl-Markt den eigentlichen Zweck doch gar zu plakativ und offensichtlich benennen. Geschickte Wortwahl, packt sie doch den urbanen Menschen bei seinen geheimsten Sehnsüchten – jenen nach der heimeligen Wärme des Ruralen, wo das Lametta sanft im Punschdunst flattert …

Halt! Da ist mir jetzt etwas durcheinander geraten, da vermischt sich Generelles mit jüngst Erlebtem. Geständnis: Ja, auch ich war vor kurzem in einem dieser Weihnachtsdörfer (oberes Belvedere), auf der Suche nach den handgefertigten Feiertagsgrußkarten, von denen ich im Vorjahr einige erstanden hatte. Diesmal leider vergebens. Es gibt sie zwar noch, die Alibistände, die eine gewisse Multikulturalität vorgaukeln unter all dem Ramsch, aber die wahren Attraktoren sind die Punschstände.

Die deklarierten Solo-Punschstände z.B. auf der Mariahilfer Straße sind wenigstens ehrlich: Ihr Daseinszweck ist offensichtlich. Da säuft das Publikum beherzt gegen Armut und soziale Kälte an, für einen guten Zweck also. In den Weihnachtsdörfern fällt das weg: Die Symbole des christlichen Wertekatasters (“geflügelte Jahresendfiguren”) – auch wenn sie im Grunde assimiliertes “heidnisches” Brauchtum sind – finden nur dann käuferischen Zuspruch, wenn das versteinerte Gewissen vorher gehörig weich gesoffen worden ist.

Wie war das noch mal mit Reputation Management, Markenführung etc… ?

Rechtliche Aspekte von RSS-Feeds

Donnerstag, den 23. November 2006

In den PRVAnews ist soeben (23.11.) ein Rechtstipp von Axel Anderl (Rechtsanwaltskanzlei Dorda Brugger Jordis) erschienen, der rechtliche Aspekte von RSS-Feeds beleuchtet. Die Übernahme von RSS-Feeds durch Dritte – vom Zitat bis zum Content-Klau – ist juristisch gesehen noch eine “Grauzone” (d.h. es ist noch nicht bis ins Detail ausjudiziert – aber nagelt’s mich nicht fest, ich bin kein Anwalt), daher scheinen mir die auch für Laien verständlichen Ausführungen nicht zuletzt für Blogger sehr hilfreich. Laut Dr. Anderl wird es in Zukunft noch mehr dazu geben.

Wie steht’s, Blogosphere?

Montag, den 6. November 2006

Das Quartalsorakel hat gesprochen. Dave Sifry, Mr. Technorati, reportiert soeben den aktuellen Stand der Befindlichkeit der … nein, nicht der ÖVP … der Blogosphäre. Nicht wirklich überraschend hat sich das Wchstumstempo etwas beruhigt: Die Verdoppelung der Anzahl an Weblogs (derzeit 57 Mio, die von technorati erfasst sind) verdoppelt sich nun nicht mehr alle 6 Monate, sondern “nur” noch alle 236 Tage. (Bin gespannt, bis jemand aufgrund dieses Faktums auf die geniale Idee kommt zu behaupten, aus der Blogosphäre sei der Dampf raus. Irgendein Idiot findet sich sicher.)

Auch in anderen Bereichen ortet Sifry eine gewisse “Entschleunigung”:  Die Menge an neuen Weblogs pro Tag hat sich im Oktober 2006 auf 100.000 verringert, was angeblich teilweise damit zu tun habe, dass technorati beim Ausfiltern von Splogs (Spam Blogs) Fortschritte erzielt hat. Analog dazu das reduzierte Aufkommen von “lediglich’” 1,3 Mio Blogbeiträgen – täglich; auch hier sei das verbesserte Ausfiltern von Spam wesentlich beteiligt.

Für Zahlenfetischisten gibt’s noch mehr davon. Interessanter aber sind die Beobachtungen wie z.B. die massive Präsenz von traditionellen Medien in den Top 100 (“The Short Head”), das unterschiedliche Verhalten von Bloggern in den verschiedenen Ranking-Stufen (nach Bedeutung und Einfluss), die Segmentierung nach Sprachen (Englisch und Japanisch mit Abstand führend; Deutsch: 1%, damit aber immer noch unter den Top10-Sprachen).

Wie immer ein Muss … für Blogstatistiker und Trendforscher

Die Leiden der Vortragenden

Mittwoch, den 27. September 2006

Manchmal gönnt einem das Leben Momente, in denen man sich so richtig verstanden fühlt, und sei es nur, weil man entdeckt, dass es anderen in gewissen Situationen auch nicht anders/besser geht. Z.B. kennen wohl alle Vortragenden den Zwang, das eigene überbordende Wissen in ein mit freiem Auge kaum wahrnehmbares Zeitfenster (egal ob 1 oder 4 oder 16 Stunden) quetschen zu müssen, also den Zwang, die Quadratur des Kreises vollbringen zu müssen.

Thomas Knüwer, Handelsblatt-Journalist, dem “Indiskretion Ehrensache” ist, beschreibt das in einem aktuellen Blogeintrag so:

In rund einer Stunde werde ich einen Vortrag halten vor unseren Anzeigenaußendienstleuten. “Erzählen Sie mal, was im Internet gerade so abgeht”, hat unser Anzeigenchef Thomas Levermann gesagt. Meinen Vorschlag, den Vortrag auf 16 Stunden auszudehnen lehnte er ab. Jetzt hab ich eine Stunde. Eine Stunde um zu erzählen, “was gerade so abgeht”? Dagegen wirkt das Reiseverhalten japanischer Touristen in Europa ja wie die Prozession hüftgeschädigter Rentner.

Wie ich den Mann verstehe … :-)

Meine liebsten Wahlslogans

Dienstag, den 19. September 2006

Wahlwerbung ist nicht tot, sie riecht nur komisch. In Wahlzeiten legt sich in der Stimmen heischenden Kommunikation selbst der “gesunde Menschenverstand” – ohnehin schon ein “biederer Geselle” (Friedrich Engels) – endgültig schlafen; die Intelligenz hat sich ohnehin schon längst aus dem Werbestaub gemacht. So wird die Bahn frei für gänzlich sinnfreie Perlen der Wortdrechsler.

Meine derzeitigen absoluten Favorites:

“Weil er’s kann.” und “Bleibt besser.”
Die Kurzangebundenheit. Welche die angesprochene Klientele. Nicht einmal mehr vollständiger Sätze für Wert erachtet. Sucht ihresgleichen. Dachte ich. Aber dann kam:

“Ja natürlich! – er kann’s”
Karl Kraus möge mir verzeihen, dass ich ihn in diesem Zusammenhang zitiere: Es genügt nicht, keinen eigenen Gedanken zu haben, man muss auch noch unfähig sein, ihn auszudrücken. Vielleicht hat Herr Schalle das “Ja natürlich” als Bestandteil seiner Abfertigung mit auf den Weg bekommen (Rewe sieht das anscheinend anders), und wer würde schon beanstanden – so unter Partnern -, wenn man sich ein wenig aus den Töpfen des Koalitionärs bedient. Der Grad an Kreativität ist immerhin vergleichbar. Der Knaller schlechthin ist aber:

“Daham statt Islam”
Offen gestanden, diesem Reim bin ich intellektuell nicht gewachsen. Warum zieht die FPÖ mit einem algerischen Fußballer (Noureddine Daham, derzeit beim 1. FC Kaiserslautern) ins Wahlgeplänkel? Weiß Daham überhaupt davon? Oder sollte er sich verletzt haben und der Slogan ist nur falsch geschrieben: “Daham is lahm”. I maan i draam.
Zur Wiederherstellung der geistigen Ausgeglichenheit gibt es zum Glück den HC-Diss-Contest des Standard.

Madonna am Kreuz

Mittwoch, den 16. August 2006

Mamma mia, Madonna, was für eine Aufregung! Da lässt sich die Frau Ciccone in ihrer aktuellen Bühnenshow ein wenig an ein verspiegeltes Kreuz hängen, und schon herrscht helle Aufruhr in der Markenrechtsabteilung des Vatikan.

Was? Wie meinen Sie? Gotteslästerung, Verletzung religiöser Gefühle? Aber geh. Spiegel Online zitiert Kardinal Ersilio Tonini: “Sich aus Spaß kreuzigen zu lassen, ist (… – nebst anderem – …) eine sinnlose Marketing-Operation.”

Ich habe ja nie verstanden, warum die christlichen Kirchen meinen, sie hätten ein exklusives Markenrecht auf das Kreuz (und also immer sie gemeint seien, wenn mal ein Kreuz eine Rolle spielt). Ge- und bekreuzigt wurde schon vorher und erst recht nachher. Aber damit muss man wohl rechnen bei einem global operierenden Unternehmen, das sich – als einziges seiner Art – ausgerechnet ein Folter- und Exekutionsinstrument als Logo verpasst hat.

Ende der Staub-Zone

Montag, den 14. August 2006

Die längliche Blogpause hat ein Ende, ebenso die grundlegende Wohnungsumgestaltung mit all ihren unliebsamen Begleiterscheinungen wie: Staub, Schutt, Schmutz, Staub, Estrich, Fliesen usw.. Habe ich Staub schon erwähnt? Der Kopf ist wieder halbwegs frei für anderes als … Staub.

Sometimes you´ve got to lose it all

Samstag, den 15. Juli 2006

Ich hatte mich schon lange nicht mehr so auf ein Jazzkonzert gefreut wie auf jenes von Madeleine Peyroux und Band gestern Abend im Arkadenhof des Wiener Rathauses. Und ich kann mich nicht erinnern, je von einem Gig derart enttäuscht gewesen zu sein. Nach 45 Minuten war der letzte Rest gespannter Erwartung und Vorfreude aufgebraucht (und durch wachsenden Ärger ersetzt), was mich weit vor der Zeit aus dem akustischen Einzugsgebiet vertrieb.

Mit einem Wort: Das Konzert war grottenschlecht, und das war nur zum Teil auf tontechnische Unzulänglichkeiten zurückzuführen. An den falschen Tönen, unnütz manieristischen Phrasierungen und lustlos hingeschlenzten Exekutionen sind nicht Mikros oder Toningenieur schuld, sondern allein die Künstlerin. Die Band erreichte bestenfalls das Niveau einer Highschool-Partie – und die, ebenso steif wie herb, auf die Bühne gepflockte Geigerin war schlicht eine Zumutung.

Normalerweise locken mich Jazz-Standards nicht hinter der Ofenbank hervor (ich mag’s lieber etwas wilderfreierschräger), Madeleine Peyroux’s Interpretationen auf der CD “Careless Love” bilden die Ausnahme von der Regel. Timbre und Ausdruckskraft ihrer Stimme, unendliche Sensibilität und Finesse in der Phrasierung, Originalität im Umgang mit unterschiedlichem Songmaterial – nichts von all dem, was auf der CD im Übermaß vorhanden ist und sie zu einer Preziose macht, war im Live-Act zu spüren.

Ich hätte vielleicht doch lieber zum Rolling-Stones-Konzert (am selben Abend) gehen sollen.


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